www.kinderschutz-in-nrw.de / Für Fachkräfte / Kompetenzzentrum / Analysierende Fallrückschau / Analysierende Fallrückschau: Antworten auf wichtige Fragen und mögliche Einwände

Analysierende Fallrückschau: Antworten auf wichtige Fragen und mögliche Einwände

Was hilft das noch im Nachhinein?


Eine Weichenstellung im Verlauf eines längst abgeschlossenen Falles bleibt unumkehrbar. Wohl wahr. Entscheidungen, die in der Vergangenheit getroffen wurden, haben ihre Wirkung - ob gut oder schlecht - längst entfaltet. Dennoch - oder gerade deshalb (?) - werden Fälle, die anders als erhofft verlaufen sind, nicht einfach abgehakt. Manchmal hält sich beharrlich ein ungutes Gefühl angesichts eines unbefriedigenden Ausgangs oder der Wunsch bleibt, noch einmal nachzuvollziehen, ob es Alternativen gegeben hätte. Ein kritischer Punkt. Denn Grundlage der maßgeblichen Weichenstellung damals waren Prognosen. Eine Fallrückschau würde aber zum Problem, wenn man versuchte „den“ einen Punkt in den Prognosen zu erwischen, der die Fehlentwicklung maßgeblich verursacht hat. So wird man der Komplexität der Einflussfaktoren im Fallverlauf nicht gerecht. Die Rückschau auf den einen Fall klärt auch nicht alles, was für zukünftige Fälle richtig wäre. Sie bietet dennoch zahlreiche Impulse und fachliche Stärkung für zukünftiges Handeln: Man kann einzelne Prognosen im Nachhinein auf ihre Stichhaltigkeit hin überprüfen - oder mit dem Abstand und neuen Erkenntnissen, die man gewonnen hat, zu anderen Schlussfolgerungen kommen. Im Team wird man über wirkungsvolle und möglicherweise auch über versäumte Unterstützung und Begleitung im Fallverlauf offen und zukunftsgerichtet diskutieren. Der selbstkritische Rückblick schärft den Blick für Hindernisse im Fall ebenso wie für die Gelingensfaktoren. Auf all das kommt es für zukünftiges Handeln an - und hilft im Nachhinein.

Wozu kann die Analysierende Fallrückschau dienen?


Der (eine) Zweck lässt sich nicht von außen definieren. Er muss vorab bestimmt werden. Denn eine bloße Rückschau auf ein Sammelsurium von Aspekten und Ebenen im Fallgeschehen ist nicht hilfreich. Entscheidet sich eine Organisation für den strukturierten Blick zurück auf einen abgeschlossenen Fall, wird das Ziel der Fallrückschau mit der Moderatorin geklärt. Die Blickrichtung legt das Team selbst fest: Fehlerquellen entdecken? Risiken erkennen? Dynamiken in Fallverläufen identifizieren? Oder: Über den Einzelfall hinaus das eigene System und seine Logiken reflektieren? Oder: Beitrag sein zur Qualitätsentwicklung und der kritischen Selbstreflexion der eigenen Profession dienen? Die Fallrückschau bietet ein strukturiertes Vorgehen für sehr unterschiedliche Anliegen und fachliche Fragestellungen.

Wozu ist das gut?


In Jugendämtern oder bei den Trägern der Kinder- und Jugendhilfe fehlt in der alltäglichen Praxis, die nicht selten von Entscheidungsdruck, komplexen Kinderschutzfällen und einer hohen Unsicherheit hinsichtlich der Wirkung der eingesetzten Hilfemaßnahmen, Raum für die Reflektion des eigenen professionellen Handelns.
Eine analysierende Fallrückschau bietet solche Reflektionsräume bezogen auf einen exemplarisch aufzuarbeitenden Kinderschutzfall. Als „Fenster zum System“ soll ein einzelner abgeschlossener Fall, der aus Sicht der beteiligten Fachkräfte nicht gelungen verlaufen ist, Erkenntnisse ermöglichen, die erst jenseits des alltäglichen Handlungsdrucks sichtbar werden können. Erst der retrospektive Blick aus der Metaperspektive lässt eine Reflektion der Falldynamik zu und beleuchtet die wechselseitige Beziehung von Familien- und Helfersystem. Unter diesem Licht lassen sich einrichtungsinterne wie auch kommunale Kinderschutzstrukturen (Verfahren, Instrumente, Abläufe, Kooperationen etc.) im Hinblick auf Ihre förderliche Wirkung  für den Kinderschutz überprüfen und in der Folge dann ggf. neu anpassen.
Im Gegensatz zur Kollegialen Beratung oder dem Austausch im Team richtet sich in der analysierenden Fallrückschau der Blick auf das eigene System. Falschen Erwartungen von Öffentlichkeit und Politik zur Kinder- und Jugendhilfe soll sie hingegen keinesfalls Vorschub leisten. Hier wird nicht nach Fehlsteuerungen gesucht mit dem heimlichen Auftrag, dass so etwas nicht wieder vorkommen dürfe, sondern die Teilnehmenden der Fallrückschau selbst legen ihre Zielsetzung fest und sind gemeinsam mit ihrer Leitung verantwortlich für die gewonnenen Erkenntnisse und ihre Umsetzung in die Praxis.

Fallrückschau? Setzt schon voraus, dass es da etwas aufzudecken gibt.


Jede Fallrückschau ist unfair, wenn damit der Auftrag verbunden ist, festzustellen, welche andere Entscheidung nicht zu dem unguten Verlauf geführt hätte. Wenn etwas Schlimmes passiert ist, muss deshalb kein Fehler gemacht worden sein. Aber: Meist gibt es Haltesignale und Weichenstellungen, die es lohnt in den Blick zu nehmen. Wenn sich ein Fallverlauf ungünstig entwickelt, sind dafür in der Regel verschiedene Faktoren im Zusammenspiel ursächlich. In der Fallanalyse geht es daher nicht um die (eine) Einzelentscheidung, die für die Weichenstellung verantwortlich zu machen wäre, sondern um Prozesse und Steuerungen im Fallverlauf. Das ist - nicht selten - beispielsweise der Einstieg in die Fallbearbeitung. Solche wesentlichen Punkte im Verlauf des Geschehens können im Fokus der Analyse und der Schlussfolgerungen für künftiges Handeln stehen.  


Haben wir nicht schon genug Standards?


Bestimmte Qualitätsmaßstäbe und Gelingensfaktoren gehören zum Standard. u.a.  die Beteiligung der Eltern an der Gefährdungseinschätzung, die Kontaktaufnahme zum betroffenen Kind oder Jugendlichen, geeignete und mit den Betroffenen abgestimmte Hilfeangebote. Sie sind zentrale Faktoren für das Gelingen von Hilfe. Es geht um den ausreichend standardisierten Rahmen - nicht um immer weitere und detailliertere  Handlungsvorgaben durch Standards. Werden sie allein zur Leitlinie des Handelns der  Fachkräfte, so trägt dies nicht zu einer Verbesserung der Kinderschutzpraxis bei.“. Die Analysierende Fallrückschau im Kinderschutzbund schließt hier an. Im Mittelpunkt kann die Frage stehen, wo die eigenen Standards zu problematischen Konstellationen führten. Der Blick auf zurückliegende Fälle soll dazu beitragen, im Kinderschutz handlungssicherer zu werden.


Gibt es ein heimliches Ziel der Fallrückschau?


Das Unbehagen rührt aus Erfahrung - und ist nicht selten ein Spiegel der Organisationskultur, die dort, wo man arbeitet, eingespielt ist. Und so ist die Frage, was das (heimliche) Ziel der Fallrückschau sein könnte, durchaus berechtigt. Die Kinder- und Jugendhilfe ist von hohen Erwartungen durch Politik und Öffentlichkeit geprägt. Der ordnungspolitische Druck ist groß. Von Fachleuten der Kinder- und Jugendhilfe wird erwartet, dass sie (schnell) reparieren, rasch handeln, umsichtig eingreifen, Kinder und Eltern umfassend beteiligen und zugleich behutsame (zeitliche) Spielräume offen halten. Kritische Rückmeldung aus Jugendämtern zeigen die bedenklichen Effekte: Da wird mit Dienstanweisungen von oben nach unten (Standards und Absicherung) gearbeitet.
Selbstkritik am Arbeitsplatz setzt gegenseitiges Vertrauen voraus. In mehreren Vorgesprächen klärt der Kinderschutzbund die Motivation des beteiligten Teams und insbesondere ihrer Leitungspersonen: Was wollen Sie mit Hilfe der Fallrückschau erreichen? Eine professionelle Reflektionskultur ist eine wichtige Voraussetzung für die Durchführung der Fallrückschau. Die beteiligten Fachkräfte müssen sich darauf verlassen können, dass ihnen die Leitung den Rücken stärkt, wenn sie sich vornehmen, ihr Handeln im Nachhinein verstehen und deuten.

Expertengespräch „Selbstverständnis des (intervenierenden) Kinderschutzes vor dem Hintergrund seines Umgangs mit Fehlern“ (Nov 2015)
Anlass zu dieser Fachdebatte hatten kritische Einwände gegeben, die der Durchführung einer analysierenden Fallrückschau entgegenstehen könnten. Dem Kompetenzzentrum Kinderschutz war daran gelegen, sich diesen kritischen Überlegungen im Rahmen einer fachlichen Auseinandersetzung zu stellen. Dabei lag der Fokus auf der Frage, wie eine analysierende Fallrückschau, die bislang unter dem Begriff „Fallrevision“ durchgeführt worden war, gestaltet werden könnte, in welchen Rahmen sie eingebettet sein sollte und vor allem welches Selbstverständnis im Umgang mit Fehlern  ihr zugrunde liegen sollte, um tatsächlich eine förderliche Wirkung auf die Verbesserung der jeweiligen Kinderschutzpraxis zu entfalten. Über diese Fragen diskutierten beim Expertengespräch:

•    Thomas Mörsberger, Jurist, Vorsitzender des Deutschen Instituts für     Jugendhilfe und Familienrecht e.V. (DIJuF), Heidelberg
•    Prof. Dr. Brigitta Goldberg, Juristin, Dipl.-Sozialarbeiterin, Ev.     Fachhochschule RWL
•    Helga Lancelle-Tullius, Supervisorin, Moderatorin
•    Peter Kraft, Fachstelle Kinderschutz im Jugendamt Bochum
•    Dr. Monika Weber, Fachberatung Allgemeiner Sozialer Dienst,          Landesjugendamt Westfalen
•    Monika Althoff, Dipl.-Pädagogin, Supervisorin, Institut für soziale Arbeit e.V.
•    Prof. Dr. Dirk Nüsken, Sozialpädagoge, Dipl.-Pädagoge, Ev. Fachhochschule RWL
•    Martina Huxoll von Ahn, stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen     Kinderschutzbundes NRW e.V., fachliche Leitung Kompetenzzentrum Kinderschutz
•    Katharina Henrichs, Fachberaterin Kompetenzzentrum Kinderschutz

/
„Das Leben kann nur nach vorne gelebt und nur in der Rückschau verstanden werden.“  nach Sören Kierkegard