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Eckpunkte der Analysierenden Fallrückschau im Kinderschutzbund NRW

Die Idee

In den letzten Jahren hat die mediale Berichterstattung sowie die öffentliche Auseinandersetzung mit dramatisch verlaufenen Kinderschutzfällen das Thema Kinderschutz ins öffentliche Bewusstsein gerückt und eine fachliche Auseinandersetzung befördert. Im Gegensatz zu anderen Ländern gibt es in Deutschland jedoch bisher weder eine Kultur der strukturierten Fehleranalyse noch vielfältige Erfahrungen mit geeigneten Methoden. Gleichzeitig haben einige Bundesländer und Kommunen in den letzten Jahren damit begonnen, sich verstärkt mit dem Thema Risikomanagement im Kinderschutz zu beschäftigen. Im Kompetenzzentrum Kinderschutz haben wir daher den Rahmen des Projektes „Modelle der methodischen Aufarbeitung von Kinderschutzfällen und ihrer Praxis im Kinderschutz“ genutzt und  unterschiedliche Methoden zur „Analysierenden Fallrückschau“ gesichtet und bewertet. Mit Unterstützung von Expertinnen und Experten wurde im Kompetenzzentrum Kinderschutz ein Modell für die Fallrückschau entwickelt, das mittlerweile erprobt ist und von interessierten Teams beim Kinderschutzbund NRW gebucht werden kann.

Analysierende Fallrückschau

Wenn ein Kinderschutzfall aus Sicht der beteiligten Fachkräfte nicht zufriedenstellend verlaufen ist oder den Erwartungen an die Wirkung der eingesetzten Hilfemaßnahmen nicht entsprochen hat, ermöglicht die Analysierende Fallrückschau die rückblickende Aufarbeitung. Damit diese nicht von aktuell anstehendem Handlungsdruck beeinflusst ist, soll der Fall abgeschlossen sein oder zumindest ruhen. In der Fallrückschau werden das konkrete Handeln im Einzelfall, die organisatorischen Rahmenbedingungen sowie die Wechselwirkung dieser beiden Ebenen systematisch untersucht und miteinander in Beziehung gesetzt. Anhand eines „Falles“ werden exemplarisch wichtige Erkenntnisse für die aktuelle Kinderschutzpraxis abgeleitet und die Qualitätsentwicklung in der eigenen Kindschutzarbeit voran gebracht.

Systematische Aufarbeitung

Die systematische Aufarbeitung eines Kinderschutzfalles öffnet ein „Fenster zum System“. Im Modell des Kinderschutzbundes NRW stehen die systemimmanenten Aspekte einer (vernetzten) Kinderschutzarbeit im Fokus der retrospektiven Aufarbeitung.

Um als Einrichtung aus einem schlecht verlaufenen Fall lernen zu können, ist daher von zentraler Bedeutung, zu verstehen, wie es überhaupt zu genau diesem Fallverlauf gekommen oder warum mögliche Fehlsteuerungen nicht früher wahrgenommen wurden. Die Erfahrung zeigt: Nicht eine isolierte Fehlereinschätzung führt im Regelfall zu einem ungünstigen Fallverlauf, sondern das besondere sachliche und zeitliche Zusammentreffen von vielen Einzelentscheidungen und Einschätzungen bestimmen das Fallgeschehen (Schweizer-Käse-Modell nach James Reason).
Über die retrospektive Aufarbeitung eines Kinderschutzfalles werden Erkenntnisse gewonnen, die zu strukturellen Veränderungen auf der Ebene der Fallbearbeitung (Verfahren, Instrumente etc.) führen, aber auch zu einer wirksamen Kinderschutzpraxis auf der Ebene der Organisation sowie auch für die Kooperation mit anderen im Fall beteiligten Hilfesystemen beitragen (z.B. Schnittstelle freier Träger – öffentlicher Jugendhilfeträger, Schnittstelle Schule, Gesundheitssystem oder Familiengericht, Polizei).

Ablauf einer Analysierenden Fallrückschau

Für das Gelingen der Fallrückschau ist eine intensive Vorbereitung wesentlich:

  • Team und Leitung: Wer soll an der Fallrückschau teilnehmen?

Im Rahmen eines gemeinsamen Vorgespräches erfolgt die Klärung hinsichtlich dieser Fragestellung. Neben den im Fallverlauf beteiligten Fachkräften, sind auch die Leitungspersonen in den Blick zu nehmen, die Verantwortung für die Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse übernehmen können und dazu ermächtigt sind. Da keine Person und kein Träger einen Fall allein bearbeitet, sondern sich viele gemeinsam in einer Verantwortungsgemeinschaft befinden, sollten möglichst viele strukturell maßgebliche Personen und Träger an der Fallrückschau beteiligt sein. Die Teilnahme von Kooperationspartnern bietet einen umfassenden Blick auf das gemeinsame Handeln im Fall und liefert wichtige Erkenntnisse über den Fallverlauf, mögliche Schnittstellenprobleme, unklare Arbeitsaufträge oder Reibungsverluste.

  • Zeitstrahl und Zeitressourcen: Was muss vorbereitet werden?

Um den Fallverlauf in seiner Wechselwirkung zwischen Familien- und Helfersystem wirkungsvoll aufarbeiten zu können, hat sich die Erstellung eines Zeitstrahls als sinnvoll erwiesen. Eine Fachkraft, die nicht unmittelbar in den zu analysierenden Fall involviert war, entwickelt entlang der vorhandenen Dokumente/Akte eine Chronologie der Ereignisse im Familiensystem und stellt diese den Reaktionen des Helfersystems gegenüber. Für diese Vorbereitung sind 10 oder mehr Zeitstunden einzuplanen und somit entsprechende Ressourcen durch die Leitung zur Verfügung zu stellen.

  • Externe Moderation: Wer leitet die Fallrückschau?

Eine fachkompetente externe Moderation der Fallrückschau ist unerlässlich. Der Kinderschutzbund NRW arbeitet mit erfahrenen Moderatorinnen zusammen, die einen unabhängigen Blick von Außen wahren und dafür Sorge tragen, dass Erkenntnisse aus dem System selbst heraus entwickelt werden.

  • Räume und Rahmen: Wie ist das Setting?

Hilfreich für den Prozess der Fallrückschau ist ein strukturiertes Setting: Für die Durchführung selbst sind geeignete Räumlichkeiten erforderlich, die es ermöglichen, den oft mehrere Meter langen Zeitstrahl für alle sichtbar zu visualisieren. Für den zeitlichen Ablauf ist ein Arbeitstag oder mindestens fünf Zeitstunden einzuplanen.

Auf einen Blick: zehn Empfehlungen zur Fallrückschau und ein Tipp

1.    Fallbeteiligte aller Ebenen können einen Fall in die Rückschau einbringen.
2.    Viele Perspektiven beteiligter Hilfesysteme fördern Zuverlässigkeit und Wirkung der Fallrückschau.
3.    Die Analysierende Fallrückschau ist gekennzeichnet durch ein eigenes Profil und eine eigene Zielsetzung. Diese wird vorab vom Team im Zusammenspiel mit der Moderatorin geklärt.
4.    Die Leitung schafft und sichert die Rahmenbedingungen für die systematische Aufarbeitung.
5.    Die Vorbereitung der Rückschau erfolgt nach vereinbarten Standards.
6.    Die Analysierende Fallrückschau benötigt einen angemessenen Zeitrahmen: 10 Stunden für die Vorbereitung der Sitzung, sowie einen Arbeitstag, bzw. mindestens fünf Stunden Zeit.
7.    Fachkompetente externe Begleitung bzw. Moderation hilft vorab bei der Planung und Zielfindung. Sie leitet den reflexiven Prozess an, sichert den strukturierten Arbeitsablauf und gibt zugleich den Dynamiken im Team während der Bearbeitung angemessenen Raum. Sie sorgt außerdem im Anschluss an Analyse und Rückschau für die Übergabe der Ergebnisse an das Team.
8.    Strukturelle Veränderungen und fachliche Konsequenzen sind das Ziel der Fallrückschau.
9.    Fehlerverständnis und Fehlerfreundlichkeit in der Organisationskultur sind die Basis für eine erfolgreiche Fallrückschau.
10.    In Anbetracht der sachlichen und personellen Ressourcen und Gegebenheiten der Einrichtungen und Träger wird für die Durchführung ein Baukastensystem mit „Pflicht-“ und „Kürteil“ empfohlen.

Modelle der methodischen Aufarbeitung von Kinderschutzfällen und der Praxis im Kinderschutz. Überblick, Erkenntnisse, Empfehlungen und Umsetzungsmöglichkeiten. DKSB Landesverband NRW e.V., März 2015.
Unsere Broschüre mit allen Einzelheiten zur analysierenden Fallrückschau steht hier zum Download zur Verfügung.

 

TIPP: Nutzen Sie die Fallrückschau als Inhouse-Fortbildung.
Manche Jugendämter rechnen den beteiligten Mitarbeiterinnen oder Mitarbeitern, die Fallrückschau als Fortbildungstag an... Lassen Sie sich zu dieser Möglichkeit der Finanzierung von uns beraten.


Gerne unterstützen wir Sie bei der Planung und Durchführung einer „Analysierenden Fallrückschau“ durch den Kinderschutzbund NRW. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an:

Kompetenzzentrum Kinderschutz
Deutscher Kinderschutzbund Landesverband NRW e.V.
Hofkamp 102
42103 Wuppertal

0202-7476588-0
info@dksb-nrw.de