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„Intensiv und wertvoll. Ein Tag voller Anregungen für unsere Arbeit im ASD-Team“

 

Helene Rosenheinrich, Regionalteamleitung Süd Ost / (ASD) Siegen zur Analysierenden Fallrückschau

Welchen Fall haben Sie für die Fallrückschau im Team ausgewählt und warum diesen?

Wir waren uns bei der Auswahl sehr schnell einig und haben uns mehrheitlich für einen Fall entschieden, bei dem sehr viele Personen eingebunden waren. Der Fall war krankheitsbedingt in zwei unterschiedlichen Teams bearbeitet worden und unterschiedlichen Haltungen die deutlich wurden, haben den Fallverlauf geprägt. Das Fallgeschehen selbst war zudem sehr komplex und wir waren sicher, dass wir an diesem Fall viel lernen können. Obwohl der Fall abgeschlossen war, stand immer noch die Frage im Raum, was hätten wir anders machen können. Denn im Kinderschutz geht es für uns immer darum, Erfahrungen und Abläufe von Arbeitsweisen zu sammeln und in die weitere Entwicklung unserer Fachlichkeit einzubeziehen. Von daher passte das Angebot des Kinderschutzbundes ideal zu uns und zu diesem Fall.

Der Fall, für den sie sich entschieden hatten, war abgeschlossen. Gab es Gründe auf diesen Fall noch einmal zu gucken?

Wir haben diesen Fall gewählt, weil er so vielschichtig war. Es gab unterschiedliche Meldungen zu häuslicher Gewalt. Es gab unterschiedliche Einschätzungen bezüglich der konkreten Gefahr und zu der Frage, ob die Kinder aus der Familie herausgenommen werden müssen. Im Hintergrund stand außerdem eine sehr unschöne Herausnahme der Kinder, die notwendig geworden war. Da waren ungute Gefühle zurück geblieben und die Frage: „Haben wir da etwas getan, was den Kindern förderlich ist? Oder wäre es das geringere Übel gewesen, die Kinder in der Familie zu lassen - wohl wissend, dass es dort nicht gut  ist?“ In diesem Spannungsfeld standen wir. Dazu kam, dass die älteren Kinder in der Familie ihren Willen gegen die Herausnahmen auch vor Gericht deutlich bekundet hatten. Dieser Fall saß uns allen in den Knochen, mitsamt der späteren Entscheidung unsererseits, die Kinder wieder zur Mutter zurückzuführen.

Welche Klärung konnten sie für den konkreten Fall erreichen - und gab es da Aha-Erlebnisse?

Wir sind uns zunächst dem Dilemma, in dem wir damals steckten, bewusst geworden als wir uns das Gesamtgeschehen im zeitlichen Verlauf angeschaut haben. Da gab es keine gänzlich neuen Erkenntnisse - aber umso mehr Klärung in vielen Details des Handelns. Zum Beispiel in der Frage, wann wir innerhalb des ASD Fälle an andere Fachkräfte abgeben? Unsere Vorgehensweise für die Aktenabgabe innerhalb unserer Dienststelle hatten wir schon zuvor überarbeitet. Jetzt wurden wir bestätigt, dass die Übergabe eine Schnittstelle für diesen Fall war. Sehr viele Fachkräfte waren im Laufe der Jahre eingebunden. Nicht immer war der Wechsel vermeidbar. Aber dennoch hat der häufige Wechsel den Fall komplizierter gemacht. Wir haben außerdem neu diskutiert, wie mit Meldungen zu häuslicher Gewalt umgegangen wird. Auch da haben wir noch keine endgültige Vorstellung - sehen aber jetzt das Problem klarer. Wenn eine Meldung durch die Polizei kommt, bleibt für den Anfang zunächst das Gespräch mit der Familie. Sofern es keine Verletzungen gibt, ist das vor allem ein appellatives Gespräch, in dem verdeutlicht wird, welche Auswirkungen die häusliche Gewalt für die Kinder hat. Wir werden uns jetzt auf die Suche begeben, was wir anders und wirkungsvoller machen können. Kooperationen mit der Frauenberatungsstelle oder der Polizei? Da werden wir neu hinsehen. Es gibt bereits Arbeitskreise, wo die Thematik erneut aufgegriffen werden kann. Das sind vielleicht auf den ersten Blick Nuancen, aber sie werden bewirken, dass wir später auch im Handeln unmissverständlicher und deutlicher werden.

Wie wichtig ist die Moderation von außen - oder kann so eine Fallrückschau auch im Team selbst geleistet werden?

Die Moderation von außen ist schon sehr wichtig. Sie bringt u.a. Kompetenz durch die klare Struktur des Tagesablaufes. Stolpersteine sind mit Abstand betrachtet deutlicher. Schon im Vorfeld war die Unterstützung im Vorbereitungstreffen gut für die beiden Kolleginnen, die den Fall für die Rückschau aufbereitet haben. Sie haben uns geholfen, dass wir uns auf unsere Zielsetzung („Was wollen wir damit erreichen?“) verständigt haben. Und schließlich ist es für den Tag selbst hervorragend eine Begleitung, Lenkung und die Klarheit in der Struktur zu bekommen. Bis hin zu den Ergebnissen, die für uns zusammengefasst worden sind. Sie sind für uns jetzt die Grundlage für die Nacharbeiten. Wir werden also im Team gemeinsam diskutieren, was machen wir mit dem Ergebnis.
Sich das zu gönnen! Denn es tat gut, sich einen ganzen Tag Zeit zu nehmen und den Fall intensiv zu betrachten. Anfangs dachten wir, vielleicht lernen wir da ja einiges und können das bald selbst machen. Da bin ich ein bisschen skeptisch, ob diese Stringenz gelingt, ohne Lenkung von außen und ob die Akzeptanz im Team darunter leiden würde

Was hat diese eine Fallrückschau für das Team und die Arbeit des ASD hier bewirkt?

Es ist eine Sortierungshilfe und eine Bereicherung. Intensiv und wertvoll! So ein ganzer Tag voller Anregungen für unsere Arbeit im Team. Auch die beiden Fachkräfte, die vorbereitet haben, haben profitiert. Sie fanden es erhellend mit der Brille der systematischen Aufbereitung an ein Fallgeschehen heranzugehen und auch ihre eigenen Haltungen mit zu befragen. Alle haben viel Wissen mitgenommen, das für weitere Fallverläufe hilfreich sein dürfte. Und nicht zuletzt ist es einfach ein Genuss, sich intensiv Zeit zu nehmen, die eigene Arbeit zu betrachten. Wir haben die Möglichkeit genutzt, über die bloße Dokumentation der einzelnen Handlungsschritte hinaus noch einmal in die Situation zurück zu gehen und nachzuspüren, wie es uns (damals) ging in den entscheidenden Situationen.

Gab es auch Vorbehalte gegenüber einer solchen Rückschau?

Die größte Skepsis ergab sich beim Zeitaufwand: Haben wir die nötige Zeit für die Vorbereitung? Da war hilfreich, die Expertin vom Kinderschutzbund als Ansprechpartnerin zu haben. Sie hat uns realistische Angaben zum Rahmen gemacht. 10 Stunden waren allein für die Vorarbeiten veranschlagt. Zwei Mitarbeiterinnen haben das engagiert übernommen und sind vorab in den „fremden“ Fall eingetaucht um ihn für die Fallrückschau aufzufächern. Das allgemeine Interesse im Team, eine solche Rückschau zu machen, war groß - wenn auch mit Abstufungen. Manche gehen zunächst in eine Verteidigungshaltung, wenn es um die Rückschau auf das eigene Handeln geht und um Entscheidungen, die man getroffen hat.

Wie kann man die überzeugen, die skeptisch sind?


Indem man sich um ein offenes Arbeitsklima bemüht, gerade wenn es um kritische Fragestellungen geht. ASD-Kräfte müssen darin gestärkt werden, ihre Arbeit sorgfältig und auch kritisch zu betrachten. Ich werbe daher dafür, hinzusehen. Im Nachhinein wird man fast immer etwas finden, das in der Rückschau eine neue Bewertung erfährt. Mit der Distanz, die man gewonnen hat, aufgrund der vergangenen Zeit oder aufgrund neuer Erkenntnisse, ergeben sich wieder andere Ideen zum Fall. Es wäre fatal, wenn die ASD-Arbeit und die Kinderschutz-Arbeit so getan würde, als wenn es nur eine Lösung gäbe. Ich bin seit 30 Jahren in der Jugendhilfe und über 20 Jahre im ASD und bin überzeugt davon, dass diese Haltung und der Anspruch genau „die“ richtige Lösung gefunden zu haben u.a. Fachkräfte krank machen würden. Unsere Arbeit ist ein Ausjustieren, eine Annäherung. Es geht nicht darum einen Weg - einmal eingeschlagen - nicht mehr zu verlassen. In den jeweiligen Situationen wird immer das Optimale versucht. Das ist unser Anspruch. Deshalb halte ich es für möglich, Entscheidungen im Rückblick anders zu bewerten. Dabei erleidet niemand einen Gesichtsverlust.

Wie erreicht man, dass jede/r dieser Haltung vertraut - und was tun sie dafür in den täglichen Arbeitsabläufen?

Jede ASD-Kraft braucht die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Wir wollen dennoch grundsätzlich die Sichtweise auf ein Fallgeschehen möglichst breit halten. Kollegiale Beratung ist da ein gutes Instrument. Außerdem versuchen wir - zwischen kollegialen Beratungen - immer wieder als Teamleitungen bei Unklarheiten zur Verfügung zu stehen. Es ist unser Anspruch und wir machen es möglich, dass man an kritischen, kniffligen Punkten nicht allein dasteht. Ein Beispiel dafür sind die Kinderschutzbögen. Wenn die Fachkraft entscheidet, dass es sich bei einer Meldung um einen Kinderschutzfall handelt, bespricht sie die Inhalte zunächst mit einer weiteren Fachkraft und leitet den Falleingang unmittelbar an die Abteilungsleitung zur Unterschrift weiter. Wenn es erforderlich ist, bekommt sie in kurzer Zeit eine Rückmeldung, was eventuell noch bedacht oder erhoben werden soll. So ist sicher gestellt, das noch eine weitere Person auf die Meldung sieht und anmerkt, falls etwas übersehen wurde. Uns geht es auch hier um die Haltung: Wir alle können dazu lernen und nur gemeinsam besser werden.  Das stärkt die einzelne Fachkraft. Es gibt außerdem bei schwierigen Fallverläufen die Möglichkeit im Team zu zweit den Fall zu bearbeiten. Trotz der Doppelbearbeitung wird das oft als Entlastung empfunden. Denn es fördert den Blick dafür, dass es mehrere Sichtweisen geben kann und dass es für eine mögliche Lösung auf vielfältige Perspektiven ankommt.

9 von insgesamt 23 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) Siegen nutzten Ende 2015 das Angebot des Kinderschutzbundes: Einen Tag lang analysierten sie einen bereits abgeschlossenen Fall, der zwiespältige Gefühle zurückgelassen hatte. Im Interview mit dem Kinderschutzbund Landesverband NRW fasst die Teamleiterin zusammen, was die Fallrückschau wertvoll macht und welche Effekte so ein Teamtag für die eigene Arbeit haben kann.