Erziehungsgewalt und Misshandlung

Erziehungsgewalt und Misshandlung unterscheiden sich im Hinblick auf den Schweregrad und die Motivation der Gewalttätigkeit gegenüber Kindern. (In anderen Publikationen wird unterschieden in leichte / schwere Gewalt und Misshandlung.)

Als Erziehungsgewalt lassen sich leichte Formen der physischen und psychischen Gewalt an einem Kind bezeichnen. Sie sind erzieherisch motiviert und haben wohl einen kurzfristigen körperlichen oder seelischen Schmerz, nicht aber die Schädigung oder Verletzung des betroffenen Mädchens oder Jungen zum Ziel. Trotz des Rechts von Kindern auf eine gewaltfreie Erziehung erfahren diese leichten Formen immer noch in Teilen der Bevölkerung eine weitgehende Toleranz.

Kindesmisshandlung meint demgegenüber physische und psychische Gewalt, bei der mit Absicht Verletzungen und Schädigungen herbeigeführt oder aber diese Folgen mindestens bewusst in Kauf genommen werden. Diese schweren Formen werden in weiten Teilen der Bevölkerung entsprechend nicht mehr toleriert.

Gewalt und Misshandlung kann durch die Personensorgeberechtigten und durch Personen geschehen, die zeitweilig mit der Betreuung, Erziehung oder Beaufsichtigung von Kindern betraut sind. In Frage kommen letztendlich aber auch Fremde bzw. den Kindern kaum bekannte Kinder, Jugendliche oder Erwachsene.

Bei Erziehungsgewalt und Misshandlung wird zwischen körperlichen und seelischen Formen unterschieden.

Körperliche Erziehungsgewalt und Misshandlung

Zu körperlicher Erziehungsgewalt zählen Körperstrafen im Sinne einer nicht zufälligen Zufügung kurzzeitiger körperlicher Schmerzen wie z. B. leichte Ohrfeigen oder hart angepackt werden.

Als körperliche Misshandlung gelten demgegenüber z. B. Tritte, Stöße, Stiche, das Schlagen mit Gegenständen, Vergiftungen, Einklemmen oder das Schütteln insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern bzw. alle Handlungen von Eltern oder anderen Bezugspersonen, „die durch Anwendung von körperlichem Zwang bzw. Gewalt für einen einsichtigen Dritten vorhersehbar zu erheblichen physischen oder psychischen Beeinträchtigungen des Kindes und seiner Entwicklung führen oder vorhersehbar ein hohes Risiko solcher Folgen bergen“ (Kindler 2006, 5-2).

Als körperliche Gewalt muss auch das Schütteln von Babys bezeichnet werden. Das Baby-Schüttel-Trauma (oder Shaken Baby Syndrome) können Babys und Kleinkinder erleiden, wenn sie von Erwachsenen heftig geschüttelt werden. Auch schwerste Behinderungen können die Folgen sein – selbst nach einem nur kurzen Schütteln. Das Gehirn schlägt gegen die Schädeldecke, Nervenbahnen werden überdehnt, Atemstillstand droht. Auslöser ist meist das Schreien des Säuglings.

In Deutschland werden jährlich 100-200 Fälle mit tödlichem Ausgang bekannt. Die Dunkelziffer ist nach Meinung von Experten um ein Vielfaches höher. Das Baby-Schüttel-Trauma ist die häufigste nicht natürliche Todesursache bei Babys und Kleinkindern. Bei etwas mehr als der Hälfte der Fälle sind die Täter männlich, hier vor allem die neuen Lebensgefährten der Mütter. Aber auch junge, unerfahrene und überforderte Mütter selbst oder weibliche Babysitter kommen in Betracht. Aufklärung ist also mehr als notwendig.

Der Deutsche Kinderschutzbund Landesverband NRW hat daher im Auftrag des Ministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes NRW erstmalig in Nordrhein-Westfalen zur Information das Poster mit dem Titel „Bitte nicht schütteln!“ entwickelt. Die moderne Gestaltung soll bewusst nicht schockieren, denn das Thema ist tabuisiert. Die Aussagen sind schnell erfassbar, auch von Personen, die keine oder kaum Erfahrung im Umgang mit Babys haben. Das Poster soll über Wickeltischen, in Wartebereichen von Kinder- und Frauenarztpraxen, in Geburtshäusern, auf Geburtshilfe-Stationen, in Jugendämtern und überall dort, wo Eltern sind, aufgehängt werden. Als Verbreiter/innen sind Hebammen, Familienhelfer/innen und Ehrenamtliche sehr wichtig, die unter anderem so genannte Willkommensbesuche durchführen. Über die leicht verständlichen Texte kann man mit (werdenden) Eltern ins Gespräch kommen.

Es ist eine deutsche sowie eine russische und türkische Fassung verfügbar. Bitte unterstützen Sie durch Ihre Mitwirkung die Botschaft „Bitte nicht schütteln!“ Das Poster können sie hier bestellen.

Psychische Erziehungsgewalt und Misshandlung

Zu den psychischen Erscheinungsformen werden Verhaltensmuster und Vorfälle gezählt, die Kindern das Gefühl vermitteln, sie seien wertlos, ungewollt, nicht liebenswert. Die nachfolgend benannten Unterformen werden je nach Dauer und Intensität der Erziehungsgewalt oder der Misshandlung zugeordnet. Von einer psychischen Misshandlung ist auszugehen, wenn eine oder mehrere Unterformen kennzeichnend für die Eltern-Kind-Beziehung sind, d. h. wiederholt oder fortlaufend auftreten:

  • das Ablehnen des Kindes im Sinne der Herabsetzung der kindlichen Qualitäten, Fähigkeiten und Wünsche, die Stigmatisierung als Sündenbock
  • das Isolieren im Sinne der Unterbindung sozialer Kontakte, die für das Gefühl der Zugehörigkeit des Kindes und die Entwicklung sozialer Fertigkeiten relevant sind
  • das Terrorisieren im Sinne der Androhung, das Kind zu verlassen oder der Drohung mit schweren körperlichen, sozialen oder übernatürlichen Schädigungen
  • das Ignorieren im Sinne des Entzugs elterlicher Aufmerksamkeit oder Ansprechbarkeit und Zuwendung
  • das Korrumpieren im Sinne einer Veranlassung des Kindes zu selbstzerstörerischem oder strafbarem Verhalten bzw. das Zulassen eines solchen Verhaltens bei einem Kind
  • das Adultifizieren im Sinne des Bemühens, das Kind in die Rolle des Ersatzes für eine erwachsene Person zu drängen bzw. die dauernde Überforderung eines Kindes durch Missachtung der altersentsprechenden Möglichkeiten und Grenzen.

Sonderform von Misshandlung: Münchhausen-by-proxy-Syndrom

Diese spezielle Namensgebung soll zwei Merkmale dieser Form der Kindesmisshandlung herausstellen: Durch den Begriff „Münchhausen“ soll – in Erinnerung an den Lügenbaron Münchhausen – verdeutlicht werden, dass hier Lügengeschichten verbreitet werden. Durch die Hinzufügung von „by-proxy“ – zu deutsch: stellvertretend – wird benannt, dass die Lügengeschichten nicht über die eigene Person, sondern quasi in Vertretung über das eigene Kind erzählt werden.

Konkret geschieht beim Münchhausen-by-proxy-Syndrom folgendes: Die Personensorgeberechtigen bzw. Personen, die für das Kind Verantwortung tragen, täuschen die Gesundheitshilfe mit frei erfundenen Geschichten über Krankheiten ihres Kindes. Dabei erfinden sie entweder Symptome oder sie erzeugen selbst gesundheitliche Störungen. Das heißt, es werden beispielsweise nicht vorhandene Blutungen, Bewusstseinstrübungen oder Fieber berichtet, durch Fälschungen von Befunden (z. B. Hinzufügen von Farbstoffen zu Stuhl oder Urin) belegt oder tatsächlich etwa durch Vergiftungen hervorgerufen. Eine Methode zur Herbeiführung von Beschwerden oder bestimmten Symptomen kann auch die gezielte Verabreichung von Medikamenten sein. Das Wissen um die Ursachen des Beschwerdebildes wird dabei umfänglich verleugnet.

Ein weiteres Merkmal des Münchhausen-by-proxy-Syndroms ist die Zurückbildung von akuten Symptomen und Beschwerden des Kindes, wenn es von der tätlichen Person getrennt ist.

In fast allen der bisher bekannten Fälle traten ganz überwiegend leibliche Mütter, hin und wieder auch Pflege- oder Stiefmutter als Täter/innen in Erscheinung. Im Kontakt mit den Medizinerinnen und Medizinern erweisen sich die Mütter stets als außerordentlich besorgt um ihr Kind, als fürsorglich und aufopferungsvoll, als „lebensrettende Engel“, die ihr eigenes Wohlergehen völlig hinter das ihres Kindes zurück stellen.