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Besondere Herausforderungen in der gesunden Entwicklung

In verschiedenen Entwicklungsphasen gibt es Entwicklungsbesonderheiten. Viele äußern sich in einer Art und Weise, die Eltern und andere Personen im Umfeld der Kinder in der Überzeugung festigt, dass es dem Kind rundum gut geht. Andere erwecken von außen betrachtet unter Umständen den Anschein, dass die Kinder in ihrem Wohlergehen beeinträchtigt sind. Für Bezugspersonen und Fachkräfte, die mit den Kindern arbeiten, stellen diese Besonderheiten mitunter auch eine besondere Anstrengung dar.

Besondere Potentiale der ersten Lebensjahre

Bindungsforschung und Hirnforschung haben gerade in den letzten zwei Jahrzehnten entdeckt, dass die ersten Lebensjahre von herausragender Bedeutung für unsere gesamte Entwicklung sind.

Aus der Bindungsforschung wissen wir, dass Menschen im Säuglings- bzw. Kleinkindalter ein bestimmtes Bindungsmuster entwickeln, das ihr Selbstbild und ihre Fremdeinschätzung nachhaltig beeinflusst. Kleinkinder, die sich im ersten Lebensjahr auf die emotionale Zuwendung und Förderung ihrer Bezugsperson(en), insbesondere in kindlichen Belastungssituationen, verlassen können, die Unterstützung erfahren, wenn ihre eigenen kindlichen Kompetenzen für eine Bedürfnisbefriedigung nicht ausreichen, entwickeln mit hoher Wahrscheinlichkeit eine so genannte sichere Bindung. Sicher gebundene Kinder zeigen affektiv angemessene Reaktionen (Angst, Freude, Wut etc.), haben ein positives Selbstbild und die Fähigkeit, in Phasen der Unsicherheit kompetent auf Beziehungspartner zurückzugreifen.

Kinder, deren Kummer- und Trostbedürfnisse in den frühen Lebensmonaten von den Bezugspersonen zurück gewiesen oder inkonsistent beantwortet werden, entwickeln häufiger eine so genannte unsichere oder ambivalente Bindung. Belastungssituationen geraten für sie zu Stresserfahrungen, weil ihre eigenen Kräfte zur Bewältigung nicht ausreichen, Unterstützung jedoch grundsätzlich oder verlässlich fehlt. Kinder mit einer unsicheren Bindung entwickeln damit einhergehend kein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, und ihnen fehlt die Basis für die Entwicklung des Vertrauens, nach einer Trennung von der Bezugsperson wieder Kontakt und nach einer Frustration wieder Befriedigung zu bekommen.

Die entstehenden Bindungsmuster der frühen Kindheit begründen auch zukünftige Erwartungshaltungen der Kinder, wie andere Personen in bestimmten Situationen reagieren werden. Kinder mit einer sicheren Bindung entwickeln eher positive Erwartungshaltungen und zeigen sich kontaktfreudiger gegenüber Erwachsenen und Gleichaltrigen als Kinder mit einer unsicheren oder ambivalenten Bindung. Sie sind darüber hinaus eher motiviert zur Lösung schwieriger Aufgaben und zeigen mehr Ausdauer, Konzentration und eine längere Aufmerksamkeitsspanne.

Zu den Errungenschaften der Hirnforschung gehört die Erkenntnis, dass die frühe Kindheit mit einer außerordentlichen Offenheit und Aufnahmefähigkeit für neuartige Entdeckungen und Erfahrungen einhergeht. Kleinkinder zeigen diese Potentiale durch ihre kindliche Neugier, ihren Forschungsdrang und ihre Kompetenz, ständig neue Fertigkeiten zu erproben, zu erlernen und zu verbessern. In der frühen Kindheit wird das Fundament für eine erfolgreiche Bildungsbiografie gelegt.

Trennungsangst

Die Trennungsangst wird in der Fachliteratur verschiedentlich auch als Acht-Monats-Angst bezeichnet, weil sie oft um den achten Lebensmonat herum in Erscheinung tritt.

Bezugspersonen erleben nun gehäuft und nach eigenem Empfinden sehr plötzlich, dass das Kleinkind „fremdelt“, dass es emotional ängstlich auf fremde oder weniger bekannte und vertraute Personen reagiert.

Wahrend manche Kleinkinder beginnen, heftig zu weinen und sich zu versteifen, bleibt es bei anderen Kindern bei einem furchtsamen Anstarren und abweisendem Verhalten, wenn die Person es zu berühren oder aufzunehmen versucht.

Bei solchen Reaktionen machen sich die engsten Bezugspersonen des Kindes bisweilen Sorgen, das Kind würde bestimmte Personen nicht mögen oder gar eine besonders sensible Persönlichkeit entwickeln.

In der Tat ist das Fremdeln jedoch Ausdruck einer sehr gesunden Entwicklung eines Kindes. Es taucht in dieser Entwicklungsphase auf, weil sich die kindliche Sinneswahrnehmung allmählich ausdifferenziert und Kinder die Fähigkeit erlangen, zwischen Vertrautem und Fremdem zu unterscheiden. An Stelle ihres bislang blinden Vertrauens tritt nun ein gesundes Misstrauen gegenüber unbekannten Personen und Dingen. Da das Kind nun gleichfalls mobiler wird und auch die soziale Neugier wächst, ist das Fremdeln ein sinnvoller Schutz gegenüber tatsächlich gefährdenden Situationen.

Trotzphase

Diese Phase beginnt ab etwa 18 Monaten und dauert bis ins dritte, manchmal auch bis ins vierte Lebensjahr an. In der Entwicklungspsychologie wird sie als Autonomiephase bezeichnet, weil beim Kind nun das Bewusstsein erwacht und wächst, dass es eine selbständige Persönlichkeit hat. Es entdeckt seinen eigenen, vom Willen der Bezugspersonen (Mutter, Vater) abgrenzbaren Willen und versucht, diesen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln auch durchzusetzen. Darüber hinaus entdeckt das Kind nun auch seine Eigenkompetenz. Dies zeigt sich daran, dass es ein großes Bedürfnis zum Ausdruck bringt, alles selbst zu machen, ohne Hilfestellung und Unterstützung der Bezugspersonen.

In weiten Teilen der Bevölkerung wird diese Phase als so genannte Trotzphase bezeichnet, weil das Bemühen um Durchsetzung des entdeckten Eigenwillens und Erprobung der Eigenkompetenz in diesem Alter sehr häufig und oft sehr lautstark bzw. tränenreich geschieht. Bezugspersonen können dabei bisweilen durchaus an die Grenzen der Belastbarkeit geraten.