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Birgit Köppe-Gaisendrees

Birgit Köppe-Gaisendrees
Birgit Köppe-Gaisendrees (Foto: Jürgen Moll)

Interview mit Birgit Köppe-Gaisendrees, Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz Bergisch Land e.V

Ein Team aus Kinderärztinnen und -ärzten der angrenzenden Kinderklinik, aus Fachleuten des sozialpädiatrischen Zentrums sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeitet in der Kinderschutzambulanz in Remscheid Hand in Hand.

Im Auftrag von Jugendämtern geht es hier um die Psychodiagnostik bei Kindern, die in der Familie Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellen Missbrauch erfahren haben. In der Regel geht es dabei um Einschätzungen zur Erziehungsfähigkeit der Eltern und zu der Frage, ob die Familie für das Kind noch ein sicherer Ort ist. Partizipation in diesem Kontext bedeutet, eine Beziehung zu einem möglicherweise schwer traumatisierten Kind aufzubauen. Wie Beteiligung in der Kinderschutzambulanz konkret aussieht , erklärt Birgit Köppe-Gaisendrees im Gespräch mit Katrin Sanders.

In welcher psychischen Situation sind Kinder, die Gewalt in der Familie erfahren?

Kinder, die Gewalt in der eigenen Familie erleben müssen, sind getroffen von einer großen Ausweglosigkeit. Aus ganz unterschiedlichen Gründen können sie nicht unmittelbar reden und mitteilen, was sie erleben und was ihnen passiert. Kinder übernehmen z.B. Verantwortung für die finanzielle Situation der Familie. Sie versuchen, die Mutter vor der Gewalt durch den Vater zu schützen. Manche kümmern sich vielleicht schon lange um die psychisch kranke Mutter, versorgen die jüngeren Geschwister oder wollen ihren Traum von Familienleben nicht aufgeben. Sie haben also Angst vor den Folgen, wenn das Gespräch bei uns oder im Jugendamt ansteht und schweigen erst mal. Da muss man immer gucken, was Kinder verbal zur Antwort geben und wie sich demgegenüber ihr Verhalten deuten lässt.

Wie gehen Sie ganz praktisch auf das Kind zu?

Die meisten Kinder kommen mit einer hohen Ängstlichkeit. Nicht selten machen Eltern im Vorfeld des Termins bei uns Druck: „Du darfst denen überhaupt nichts erzählen, sonst kommst du ins Heim!“ Doch selbst wenn Eltern vorab nicht viel zur anstehenden Diagnostik in der Kinderschutzambulanz sagen, so nehmen die Kinder doch im familialen Kontext Stimmung und Atmosphäre wahr. Grundlage der Partizipation ist also, dass man Ideen entwickelt und sich überlegt, wie das Kind wirkt und warum es so überdreht, verängstigt, schweigsam, unkonzentriert sein könnte.

Wir sprechen an, welche Vermutungen wir haben, zum Beispiel so: „Letzte Woche ist ein Kind bei uns gewesen, das hatte große Angst, ins Heim zu kommen. Kannst du dir das vorstellen?“. Über die offene Ansprache fragt man die Reaktion des Kindes ab und findet den Gesprächseinstieg. Manche Kinder kommen beispielsweise mit der Befürchtung, dass es in der Klinik sicher Spritzen gegeben werde. Der Einstieg kann also sein, dass man genau diese Vermutung z.B. humorvoll aufgreift („Du muss keine Angst haben. Du kriegst keine Spritze.“)

Grundsätzlich wichtig ist es, keine Vorgaben zu machen. Kinder spüren sehr genau, wenn man ihnen etwas unterstellt. Aus ihrer Perspektive haben die Eltern auch nette Anteile. Also darf und soll das Kind auch erzählen, wie gut es in gewissen Situationen mit Mama und Papa läuft. Wenn wir nicht ernst nehmen, wie loyal ein Kind seinen Eltern oft und trotz aller Gewalt gegenüber steht, wird es mit der Partizipation schwierig.

Was hilft gegen die Sorge, zum Beispiel durch Offenheit gegenüber dem Kind eine Wunde aufzureißen?

Die Kinder kennen die Wunden, um die es hier geht. Es ist ein großer Irrtum, dass Kinder die Bedeutung dieser offiziellen Termine nicht einschätzen können. Ehrlichkeit ist für uns deshalb ein Standard. Wir sagen z.B. dem Kind, dass schon ein Erstgespräch mit den Eltern stattgefunden hat und erklären das Procedere. Dabei stellt man schon fest, ob das Kind sagt: „Ja, das weiß ich“. Dann könnte man weiterfragen: „Was weißt du denn?“ Oder: „Ich würde dir gern erzählen, worüber wir gesprochen haben. Möchtest du das wissen?“ - und es fragen, wie es selbst die Situation der Familie sieht. Wichtig ist auch dann immer wieder: Nichts unterstellen („Wir wissen, dass es anders ist“), sondern eher eigene Zweifel zurück zu melden: „Mir hat das Versprechen deines Vaters bislang nicht die Sorge genommen.“ Oder „Wir denken, dass es dir in manchen Situationen nicht so gut geht.“

Der Weg in den Kontakt kann auch zunächst über ein „unverfängliches“ Angebot gelingen, z.B. „Als wir mit der Mama oder dem Papa gesprochen haben, ist sie ganz laut geworden. Da hab ich mich vielleicht erschrocken!“. Nicht selten führt das zu spontanen Äußerungen auf Seiten des Kindes, die uns viel sagen („Ja! Ich erschreck´ mich dann auch immer so.“)

Partizipation braucht Zeit, Beziehung und Kontakt. Wie geht das im Jugendamt?

Hier müssen sich die Rahmenbedingungen verändern. Am besten fängt man an aus der Perspektive des Kindes zu gucken: kahle Flure, eine Spielecke, ein doppelt besetztes Büro für die heikle Besprechung ... Fachleute können sehr genau einschätzen, dass dieser Rahmen für Partizipation nicht taugt. Wenn das Kind lange vor der Tür in einer „usseligen“ Spielecke sitzt, während drinnen die Erwachsenen hinter geschlossener Tür verhandeln, wird es später wahrscheinlich abblocken oder dabei bleiben, dass in der Familie alles in Ordnung ist. Dasselbe gilt im Rahmen der § 8a-Einschätzung. Es hat geklingelt, zwei fremde Menschen sind da, gehen ins Wohnzimmer und das Kind wird ins Kinderzimmer geschickt. Das ist irritierend und das Kind wird später im Kinderzimmer möglichst nichts antworten. Besser wäre es, gleich zu erklären, warum ich (Jugendamt) überhaupt hier bin. Kinder bekommen erstaunlich oft keine Erklärung. Wir denken, sie haben einen Anspruch darauf.

Partizipation ist immer eine Einladung zur Kreativität. Das heißt: Trotz widriger Rahmenbedingungen im Jugendamt kann man überlegen, was sich sofort verbessern lässt: Die Anrufbeantworter in den Büros leise stellen; trotz eines sterilen Büros eine optisch „nette“ Ecke schaffen; wegkommen von dem Gedanken „das geht bei uns nicht“; von den Kolleginnen und Kollegen lernen; sich weiterbilden, in welchem Alter stehen welche Entwicklungsschritte an, also was können Kinder in welchem Alter aufnehmen; selbstkritisch sein und eigene Ängste und Unsicherheiten benennen. In diese Richtungen zu schulen und sich weiterzubilden, stößt viel an und befreit, etwas auszuprobieren.

Was haben die Kinder davon, wenn Beteiligung stattfindet?

Der größte Gewinn ist, dass es Lösungen zur Veränderung gibt. Kinder, die Gewalt in der eigenen Familie erleben müssen, sind getroffen von einer großen Ausweglosigkeit. Partizipation bietet die Möglichkeit hier schrittweise Wege aus der Zwickmühle zu finden, die das Kind belastet und zum Schweigen bringt. Wenn Beteiligung gelingt, bringen Kinder dagegen sehr genau - und in ihrem eigenen Tempo - auf den Punkt, was zu Hause schief läuft. Man muss sie fragen und ihnen zuhören. Und man muss umgekehrt mit ihnen reden! Unsere Intention ist es, einem Kind je nach Alter Erklärungen zu geben. Über den Verlauf des gesamten Prozesses erklären wir immer wieder, was besprochen wird. Geschieht das nicht, kommen wir am Ende aus einem Prozess raus und teilen dem Kind nur noch oft folgenreiche Ergebnisse mit. Das setzt sich fest und kann dazu führen, dass Kinder schwierige Phantasien entwickeln. Wenn aber Partizipation gut verläuft, erkennen wir die positiven Effekte auch daran: der Kontakt bleibt bestehen; das Kind glaubt uns, dass es wirklich gemeint ist, bei allen Vorgängen, die hier besprochen und – manchmal auch gegen ihren erklärten Willen – entschieden werden. Gründe genug, wie ich finde, dass sich Fachleute in der Frage des Kinderschutzes hier positionieren und sich mit dem Kind ebenso ausführlich beschäftigen, wie mit den Eltern.

Kontakt: Ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land e.V. / c/o Sana Klinikum Remscheid

Burger Straße 211 / 42859 Remscheid / Tel.: 02191 13-5960

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