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Interview mit Dr. Jens Pothmann

Dr. Jens Pothmann
Dr. Jens Pothmann

Die Jugendämter in Nordrhein-Westfalen haben im vergangenen Jahr in 31.612 Fällen eine Einschätzung bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung vorgenommen. Das waren 3,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor (2013: 30.546). Was hinter dieser Statistik steckt, weiß Dr. Jens Pothmann.

Dr. Jens Pothmann ist Diplom-Pädagoge und ist seit 1999 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik tätig. Die Arbeitsstelle analysiert die amtliche Kinder- und Jugendhilfestatistik und will es der Fachwelt leichter machen, die von den Trägern gemeldeten Daten auch zu nutzen.

1. Das Bundeskinderschutzgesetz legt fest, die Hinweise auf eine mögliche  Kindeswohlgefährdung in den einzelnen Kommunen zu zählen und auszuwerten. Wer ist dazu genau verpflichtet?

Jens Pothmann: Die Jugendämter in den einzelnen Kommunen müssen dem jeweiligen Statistischen Landesamt melden, wenn sie eine Gefährdungseinschätzung nach § 8a, Absatz 1, SGB VIII vorgenommen haben. Es handelt sich dabei um eine amtliche Statistik. Nicht jeder Hinweis oder Anruf sollte von den Jugendämtern gezählt werden, aber wenn bei einer Meldung gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung festgestellt werden und mehrere Fachkräfte gemeinsam das Gefährdungsrisiko abschätzen, sollte das in der »8a-Statistik« auftauchen.

2. Spiegeln die Zahlen denn ein realistisches Bild der Wirklichkeit über die Häufigkeit von Vernachlässigungen und Misshandlungen wider?

Jens Pothmann: Nein, es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Statistik das genaue Ausmaß von Kindeswohlgefährdung beschreibt. Hier sind wir weiterhin auf mehr oder wenige plausible Schätzungen angewiesen. Die »8a-Statistik« sagt vielmehr etwas über das Handeln der Jugendämter im institutionellen Kinderschutz aus. Die Zahlen bilden zwar nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit ab – aus meiner Sicht aber einen sehr wichtigen. In den letzten Jahren haben wir es auch über diese Erhebung geschafft, die Arbeit der Jugendämter bei solchen Schlüsselprozessen etwas transparenter zu machen. Wir wissen zwar immer noch zu wenig über den vielleicht wichtigsten Akteur in der Kinder- und Jugendhilfe, aber immerhin wird die Datenbasis breiter und belastbarer, wie auch unsere Analysen in der Arbeitsstelle zeigen.

3. Die Arbeitsstelle Kinder-und Jugendhilfestatistik wertet die Angaben der Jugendämter regelmäßig aus. Es fällt auf, dass die Zahlen von Kommune zu Kommune sehr unterschiedlich sind. 2014 meldete zum Beispiel das Duisburger Jugendamt 1566 Gefährdungseinschätzungen. In Dortmund waren es nur 1127 – und das, obwohl Dortmund mehr Einwohner hat. Wie kommen solche Unterschiede zustande?

Jens Pothmann: Solche Unterschiede sind nicht nur durch einen Faktor zu erklären, sondern es kommen in der Regel mehrere zusammen. So wird das auch bei Ihrem Beispiel sein. Grundsätzlich kann man aber davon ausgehen, dass die unterschiedliche Organisation und die verschiedenen Arbeitsweisen der Jugendämter eine wichtige Rolle spielen werden. Das bezieht sich im Übrigen auch auf den Umgang mit der Statistik. In einigen Ämtern wird nahezu ohne weitere Prüfung des Einzelfalls ein »offizielles 8a-Verfahren« eingeleitet, was dann auch in die Statistik eingeht. Hingegen liegt in anderen Jugendämtern diese Schwelle deutlich höher. Wenn das Bundeskinderschutzgesetz Ende des Jahres evaluiert wird, wird man sich noch einmal Gedanken machen müssen, wie es gelingen kann, die Vergleichbarkeit dieser kommunalen Daten zu verbessern.

4. In der »8a-Statistik« fehlen die freien Träger komplett. Warum sind sie nicht dazu verpflichtet, ihre Gefährdungseinschätzungen ebenfalls zu melden?

Jens Pothmann: Freie Träger werden nach den Regelungen des Bundeskinderschutzgesetzes über Vereinbarungen mit den Jugendämtern (§8a, Absatz 4 SGB VIII) dazu angehalten, bei gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung eine eigene Gefährdungseinschätzung vorzunehmen. Das Jugendamt hat damit zunächst einmal nichts zu tun hat. Diese Verfahren sind natürlich nicht weniger wichtig als die, die jetzt in der »8a-Statistik« erfasst werden. Eine statistische Erfassung scheiterte Ende 2011 bei Erarbeitung des Bundeskinderschutzgesetzes an der Praktikabilität und Umsetzbarkeit für die Statistischen Ämter und die freien Träger. Das hat damals schon begonnen mit der Frage nach einem einheitlichen Erhebungsbogen für alle Arbeits- und Handlungsfelder von der Kindertageseinrichtung bis zum Jugendzentrum und erstreckt sich bis zu der Frage nach dem Aufbau eines vollzähligen Berichtskreises. Außerdem würden Fälle der Gefährdungseinschätzung, die der freie Träger dem örtlichen Jugendamt meldet und hier wiederum gesondert bewertet werden müssen, doppelt gezählt werden.

5. Reicht denn die bisherige Praxis, um die Situation in den Familien realistisch darzustellen?

Jens Pothmann: Mit einer einzelnen Statistik ist das nach meiner Meinung gar nicht möglich. Wir müssen unterschiedliche Puzzleteile zusammenlegen, um ein halbwegs realistisches Bild zu bekommen. Wir wissen aber derzeit noch sehr wenig darüber, wie die freien Träger ihren Schutzauftrag gestalten. Darüber brauchen wir konkrete Studien quantitativer und qualitativer Natur. Die freien Träger sollen nach dem Bundeskinderschutzgesetz bei der Gefährdungseinschätzung eine insoweit erfahrene Fachkraft hinzuziehen, die neutral berät und unterstützt. Aber wir haben keine Angaben darüber, wie häufig die freien Träger von dieser Möglichkeit Gebrauch machen und wie das Aufgabenprofil der insoweit erfahrenen Fachkräfte aussieht. Da würden gezielte Forschungen Abhilfe schaffen.

Hier finden Sie die Pressemitteilung zur aktuellen »8a-Statistik« im Internet:

https://www.it.nrw.de/presse/pressemitteilungen/2015/pres_198_15.html