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Hans Jürgen Hülsbeck

Der Kriminalhauptkommissar Hans Jürgen Hülsbeck ist im Dezernat für Kriminalprävention und Opferschutz des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen tätig. Einer seiner Schwerpunkte ist die sexualisierte Gewalt im Netz. Im Interview beschreibt er, woran pädagogische Fachkräfte und Eltern sexualisierte Gewalt in der digitalen Welt erkennen und wie sie sich im Fall der Fälle richtig verhalten.

Herr Hülsbeck, auf welche Art können Kinder und Jugendliche im Internet Opfer sexualisierter Gewalt werden?

Viele Delikte aus der realen Welt gibt es auch im Internet. Die Gefahr besteht vor allem dann, wenn Kinder und Jugendliche in Chats unbedarft und unkontrolliert mit fremden Menschen sprechen. Das jeweilige Kind weiß nicht, wer auf der anderen Seite sitzt – auch wenn der- oder diejenige vorgibt, erst 12 oder 13 Jahre alt zu sein. Das kann im schlimmsten Fall ein Erwachsener sein, der pädosexuelle Absichten hat.

Wie geht ein potentieller Täter oder eine Täterin vor?

Zuerst geht es darum, sich das Vertrauen des Kindes zu erschleichen. Die Basis dafür ist eine sehr geschickte Gesprächsführung. Es wird versucht, Gemeinsamkeiten zu finden, etwa die gleichen Hobbys. Dann kommen vielleicht Komplimente und die Frage: Hast du eine Webcam? Dann wird darum gebeten, die Webcam einzuschalten. Dann folgen Nachfragen: Was hast an? Bist du alleine zu Hause? Das ist immer ein ganz klares Warnsignal. Leider Gottes werden die Kinder auch immer wieder dazu aufgefordert, sich vor der Webcam auszuziehen und sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen. Der Fachausdruck für diese Form der sexualisierten Gewalt ist „Cyber-Grooming“, also die Kontaktaufnahme von Erwachsenen mit Kindern über das Internet mit dem Ziel, sexuelle Handlungen anzubahnen.

Im allerschlimmsten Fall findet nach dem ersten Kontakt im Internet ein Treffen in der realen Welt statt. Dann gehen wir ganz klar von einem pädosexuellen Hintergrund aus.

Wenn Eltern oder Fachkräfte merken, dass ein Kind sexuelle Übergriffe durch einen Erwachsenen im Internet erlebt: Was ist zu tun?

Ganz wichtig ist es, den Kindern oder Jugendlichen die Angst zu nehmen. Viele schämen sich und haben Schuldgefühle, wenn sie im Netz Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind. Sie fühlen sich mitverantwortlich für das, was passiert ist. Diese Befürchtung müssen wir den Kindern nehmen.

Grundsätzlich sollten die Eltern Ruhe bewahren und keinen Druck aufbauen. Ansonsten treiben sie womöglich ihr eigenes Kind, das schutzbedürftig ist, in die Enge. Ein guter Ansprechpartner ist immer die Polizei – auch wenn man nicht genau weiß, ob eine Handlung schon strafbar ist. Sich an die Polizei zu wenden und eine Strafanzeige zu erstatten, sollte einer der ersten Schritte sein. Sonst wird der Täter nicht ermittelt und kann unter Umständen noch weitere Taten begehen. Außerdem kennt die Polizei das Netzwerk von Beratungsstellen und Opferorganisationen und kann das Kind oder den Jugendlichen weitervermitteln, um mit den psychischen Auswirkungen des Erlebten umgehen zu lernen.

Und welche Rolle spielen pädagogische Fachkräfte?

Eine sehr wichtige. Denn leider sind die Eltern nicht immer die ersten Ansprechpartner, wenn es um sexualisierte Gewalt geht. Kinder und Jugendliche wenden sich auch an eine Freundin oder ein Freund, vielleicht an einen Vertrauenslehrer. Daher sind die Fachkräfte natürlich auch gefordert. Und weil sie nicht persönlich betroffen sind, sind sie vielleicht auch eher in der Lage, dem Kind weitergehende Unterstützung zukommen zu lassen. Denn: Ein Kind, was mit sexualisierter Gewalt im Internet zu tun bekommt, ist Opfer – das Opfer einer Straftat. Und daher hat es zahlreiche Opferrechte.

Welche Tipps haben Sie, um sexualisierter Gewalt im Internet vorzubeugen?

Pädagogische Fachkräfte können wie die Eltern im Vorfeld natürlich auch präventiv wirken. Das Internet muss vielerorts ein Thema sein – zu Hause ebenso wie in der Schule oder der Jugendeinrichtung. Medienkompetenz geht weit über die Frage hinaus: Wie bediene ich mein Smartphone? Die Kinder und Jugendlichen müssen wissen: Welche Daten gebe ich ins Netz ein? Auf welchen Webseiten bin ich? Das ist Aufgabe der Eltern, wird vermehrt aber auch in den Schulunterricht einfließen. Grundsätzlich ist es genau wie im realen Leben auch im Internet wichtig, auf sein Bauchgefühl zu achten und den jeweiligen Kontakt im Internet frühzeitig abzubrechen, wenn sich etwas schlecht anfühlt.

Weitere Informationen finden Sie auf folgenden Websites. Sie richten sich teilweise direkt an Kinder und Jugendliche.