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Interview mit Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) zum Thema „physische und psychische Gewalt“ gegen Kinder

Heinz Hilgers
Heinz Hilgers

Wie kann sich Gewalt – physisch und psychisch – auf die Entwicklung von Kindern auswirken?

Hilgers: Das Erleben und Miterleben von Gewalt hat für Kinder immer Auswirkungen und beeinflusst ihre Entwicklung gravierend. Frühe Gewalterfahrungen ziehen lebenslange soziale, emotionale und intellektuelle Beeinträchtigungen nach sich. Die Kinder neigen später häufig zu Risikoverhalten. Probleme wie Angst, Depressionen, Wahnvorstellungen, mangelnde Leistungsfähigkeit in der Schule und später im Beruf, Gedächtnisstörungen und aggressive Verhaltensweisen können die Folgen sein. In unserer Broschüre zu Gewalt gegen Kinder und Gewaltprävention finden sich hierzu ausführliche Informationen (www.dksb.de).

Es gibt das Gesetz, das Gewalt gegen Kinder offiziell verbietet. Wie sehen Sie seitdem die Situation der Kinder in Deutschland und für NRW?

Die Einführung des Rechts auf gewaltfreie Erziehung für jedes Kind zum 1. Januar 2000 ist einer der größten Erfolge des Deutschen Kinderschutzbundes. Für fast 90 Prozent der Eltern ist eine gewaltfreie Erziehung das Ideal, aber leider wenden 40 Prozent der Eltern weiterhin Gewalt in der Erziehung an. Ursache für Klaps und Ohrfeige ist oft Überforderung der Eltern. Eltern brauchen daher mehr und bessere Unterstützung damit Erziehung gewaltfrei gelingt.

Im Kinderschutz erfährt das Miterleben partnerschaftlicher Gewalt (terrorisieren, Zufügung körperlicher Schmerzen etc.) als Indikator für eine Kindeswohlgefährdung in den letzten Jahren eine größere Aufmerksamkeit. Wie bewerten Sie die Zeugenschaft von partnerschaftlicher oder elterlicher Gewalt im Kontext des Kinderschutzes, und wie sollen sich Kinderschutzfachkräfte/insoweit erfahrene Fachkräfte hierauf einstellen?

Gewalt der Eltern mitzuerleben, ist ein tiefer Eingriff in das Gefühl der Sicherheit der Kinder und kann massive Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit haben. Meist verstehen Kinder den Konflikt der Eltern nicht und reagieren mit Trauer, Rückzug oder Aggressivität. Veränderungen von Kindern im sozialen Verhalten sind oftmals ein Zeichen, dass enorme Belastungen vorausgegangen sind. Ihnen fällt es schwer, auch aus Loyalitätsgründen gegenüber ihren Eltern, darüber zu sprechen. Kinder für ihre eigenen Bedürfnisse zu öffnen und ihnen die Möglichkeit zu geben, diese auszuleben, ist manchmal mehr wert als jede Aufdeckung der Gründe. Durch die Sicherung der kindlichen Bedürfnisse können Fachkräfte Kindern Zuversicht und Souveränität wiedergeben. Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass Kinder den Prozess der Öffnung autonom gestalten und darüber entscheiden, was, wann oder wie passiert. Dies natürlich nur dann, wenn Leib und Leben nicht gefährdet sind.

Was kann das Kompetenzzentrum Kinderschutz NRW und andere Kinderschutzfachstellen (z.B. beim Jugendamt) tun, um Fachkräfte für die Situation von Kindern als Zeugen partnerschaftlicher Gewalt zu sensibilisieren?

Das Kompetenzzentrum Kinderschutz könnte Fachkräfte dabei unterstützen, ihre Wahrnehmung zu schulen, um Verhaltensänderungen von Kindern frühzeitig zu erkennen. Dafür müssen Fachkräfte Gewaltdynamiken und deren Folgen für Kinder kennen. Es ist gut, wenn die Fachkräfte lernen, sich als Ansprechpartner anzubieten ohne Druck auf die Kinder auszuüben. Auch ist es wichtig, die Beteiligung der Kinder bei Hilfen und Unterstützung zu stärken und Angebote zur Entlastung für Kinder in Schule und Alltag zu entwickeln.

Es gibt Menschen in Deutschland, die Gewalt als ein Erziehungsmittel betrachten, das zu ihrem kulturellen Erziehungsverständnis gehört. Mit welcher (professionellen) Haltung sollten wir diesen Eltern begegnen?

Fachkräfte sollten allen Eltern mit Wertschätzung und Hilfsbereitschaft gegenübertreten und versuchen, sie zu überzeugen. Ziel des professionellen Handels ist es, interne Motivation zur Verhaltensänderung zu schaffen. Externe Motivation wie Drohungen und Beschimpfungen zerstören oft alle vorhandene interne Motivation.

Was müsste noch getan werden, damit eine Erziehung ohne körperliche und/oder psychische Gewalt bei Eltern und Erwachsenen bundesweit ankommt?

Leider erfahren manche Kinder bereits in den ersten Lebensjahren Gewalt in der Erziehung. Daher ist es erfreulich, dass im Bundeskinderschutzgesetz die Frühen Hilfen gestärkt wurden. Diese müssen in den Kommunen nun noch stärker umgesetzt werden, damit Eltern entlastet und Kinder besser geschützt werden. Der Deutsche Kinderschutzbund unterstützt und hilft Eltern mit seinen Angeboten wie den Willkommensbesuchen nach der Geburt eines Kindes, Eltern-Kind-Treffs, Elternkursen und Familienberatungsstellen. Familienhebammen und Familienpaten sind weitere wichtige Bausteine. Denn die Erfahrung des Kinderschutzbundes zeigt: alle Eltern wollen gute Eltern sein. Doch fühlen sie sich in bestimmten Situationen überfordert oder alleine gelassen, dann kann das dazu führen, dass Eltern die Beherrschung verlieren.

Wen könnten Sie sich als Interviewpartner/in aus dem Kinderschutz für den nächsten Newsletter vorstellen?

Prof. Dr. med. Susanne Schweitzer-Krantz, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin und Ärztliche Direktorin des Evangelischen Krankenhauses Düsseldorf.

 

(Das Interview führte Viola Gräfenstein)