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Interview mit Ministerialdirigent Manfred Walhorn, Abteilungsleiter Kinder, Jugend im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Manfred Walhorn
Manfred Walhorn

Seit mehr als anderthalb Jahren gibt es das Bundeskinderschutzgesetz. Wie kommen die gesetzlichen Anforderungen bei den Fachkräften an?

Walhorn: Die gesetzlichen Vorgaben des Bundeskinderschutzgesetzes werden nach meiner Wahrnehmung in der Praxis Schritt für Schritt umgesetzt. Bei dem bundesgesetzlichen Ziel eines „kooperativen Kinderschutzes“ geht es im Wesentlichen darum, „versäultes“ Denken und Handeln der einzelnen Hilfesysteme, hierarchische Orientierung und auch oftmals Angst vor der Verantwortung abzubauen. Alles das braucht seine Zeit. Denn seit Jahren steht einer Öffentlichkeit, die zu recht nach jedem bekannt gewordenen tragischen Ereignis von Kindeswohlgefährdung wirksame Maßnahmen fordert, eine Fachwelt gegenüber, die die Jugendämter nicht auf eine ständige Kontrollinstanz reduziert sehen wollen. Hier durch ein Gesetz einen klaren Kurs vorzugeben, ist generell nicht einfach. Deshalb ist das Bundeskinderschutzgesetz aus meiner Sicht auch eher als Startschuss auf dem Weg zu einem kooperativen Kinderschutz zu sehen.

An welchen Stellen besteht immer noch Verbesserungsbedarf?

Das Bundeskinderschutzgesetz bleibt an einigen Stellen unbestimmt und unverbindlich. So werden beispielsweise mehrere Netzwerk-Partner benannt, die durch die örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe in das Netzwerk eingebunden werden sollen. Regelungen, die die Teilnahme für die Netzwerk-Partner verbindlich machen, sind nicht getroffen. Des Weiteren gibt es keine bundeseinheitliche Datenschutzregelung für die Elternberatung der örtlichen Leistungsangebote. Auch der Beratungsanspruch durch „insoweit erfahrene Fachkräfte“ – wir in NRW nennen sie Kinderschutzfachkräfte – für Berufsgeheimnisträger, Eltern, Kinder und Jugendliche, Einrichtungen und Institutionen bleibt ungenau, ebenso wie Qualifikation, Einsatz und Finanzierung von Kinderschutzfachkräften. Diese Anforderungen bedürfen der weiteren Konkretisierung und Unterstützung.

Das Land unterstützt und fördert deshalb im Rahmen des Kompetenzzentrums Kinderschutz eine Reihe von Projekten und Maßnahmen des Kinderschutzbundes Nordrhein-Westfalen und des Instituts für soziale Arbeit, die gemeinsam Expertisen, Broschüren und Arbeitshilfen erstellen, um den Akteuren des Kinderschutzes vor Ort mehr Handlungssicherheit zu geben.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, den Gesundheits- und Schulbereich stärker in den Kinderschutz einzubeziehen?

Das Bundeskinderschutzgesetz verpflichtet die zuständigen Leistungsträger und Institutionen im Kinderschutz zu verbindlichen Strukturen der Zusammenarbeit und benennt die Beteiligten, die in einem Netzwerk im Sinne eines kooperativen Kinderschutzes mitwirken sollen. Unter den Beteiligten sind vor allem die Schulen und Gesundheitsämter hervorzuheben. In der Praxis bedeutet dies, dass sich alle zuständigen Leistungsträger gegenseitig über ihr Angebots- und Aufgabenspektrum informieren und die Verfahrensweisen im Kinderschutz miteinander abzustimmen haben. Außerdem muss die Qualitätsentwicklung künftig in allen Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe festgeschrieben und in Kooperationsvereinbarungen mit den freien Trägern geregelt werden.

Schule und Gesundheitswesen werden somit zu einem unverzichtbaren Glied einer eng miteinander verbundenen Präventionskette vor Ort, die alle Kinder und Jugendlichen in ihren verschiedenen Lebensphasen im Blick behält und ihnen rechtzeitig die notwendige Unterstützung zuteilwerden lässt. Dies kann nur gelingen, wenn die verbindliche Zusammenarbeit im Kinderschutz in Vereinbarungen festgeschrieben wird und ein kommunales Mandat erhält. Zudem müssen hierfür entsprechende Zeit- und Personalressourcen geschaffen werden. Wie das konkret erfolgen kann, wird beispielsweise in einem vom Land geförderten dreijährigen Projekt des Kinderschutzbundes im Kreis Unna erprobt. Die wissenschaftlichen Projekterfahrungen werden wir im nächsten Jahr in die landesweite Debatte um einen kooperativen Kinderschutz einbinden.

Was sollte Ihrer Meinung nach im geplanten Ausführungs- bzw. Präventionsgesetz für NRW geregelt werden bzw. welche Themen und Bereiche sollte dieses umfassen?

Wie zu Ihrer Frage 2 bereits ausgeführt, hat das Bundeskinderschutzgesetz an einigen Stellen Raum und Bedarf für Landesregelungen geschaffen. Einige Anforderungen an die Akteure vor Ort müssen weiter konkretisiert werden. Dabei empfiehlt es sich, die Materie „Kinderschutz“ in der Gesamtschau und nicht nur einzelne Aspekte (z.B. Frühe Hilfen oder Prävention auf der Basis des § 16 SGB VIII) zu regeln. In einem nordrhein-westfälischen Gesetz müssten neben den präventiven Elementen des Kinderschutzes vor allem auch die Zusammenarbeit der Hilfesysteme und der Fachkräfte bei Anhaltspunkten für eine individuelle Kindeswohlgefährdung geregelt werden. Und nicht zu vergessen, sollten die Individualrechte von Kindern und Jugendlichen gestärkt werden.

Wie sehen Sie die Zukunft des Kinderschutzes in NRW?

Zielperspektive der Landesregierung ist ein strukturiertes, systematisches Gesamtkonzept, das den präventiven und intervenierenden Kinderschutz auf breiter Ebene in Nordrhein-Westfalen in den Blick nimmt und weiterentwickelt. Mit dem hierfür notwendigen Diskussions- und Austauschprozess für das geplante Landesgesetz haben wir in diesem Jahr mit den beteiligten Akteuren begonnen.

Das Land Nordrhein-Westfalen setzt einen Schwerpunkt auf den im Jahr 2010 begonnenen Weg der vorbeugend ausgerichteten Politik. Das Ziel ist, alle Kinder von Anfang an zu erreichen. Dabei soll auf den vorhandenen Angeboten vor Ort aufgebaut und eine Brücke zu den zivilgesellschaftlichen Akteuren geschlagen werden. Ziel ist der Aufbau verbindlicher Netzwerkstrukturen, eine enge Verzahnung präventiver Strukturen und Maßnahmen sowie ein wirksames Vorbeugesystem mit eindeutigen Zuständigkeiten. In den politischen Leitlinien sollen Schwerpunkte auf Nachhaltigkeit, Prävention und Inklusion gesetzt werden und diese Schwerpunkte als Querschnittsthemen etabliert werden. Mit dem Modellvorhaben „Kein Kind zurücklassen – Kommunen in NRW beugen vor“ wird derzeit ein systematisches, präventives Handeln entlang der Lebensbiografie von Kindern beispielhaft in 18 Kommunen ermöglicht. Dieser Ansatz soll nach Möglichkeit mit den Zielen und Fördermöglichkeiten des neuen Bundeskinderschutzgesetzes verknüpft werden.

Darüber hinaus besteht die Notwendigkeit, den Kinderschutz auf die zunehmenden gesellschaftlich und individuell bedingten Belastungen von Familien und die damit einhergehenden besonderen Gefährdungslagen von Kindern und Jugendlichen auszurichten. Dies zeigt sich leider auch an den nach wie vor steigenden Unterstützungsbedarfen im Bereich der Hilfen zur Erziehung und der steigenden Anzahl von Inobhutnahmen durch die örtlichen Jugendämter, die nicht nur auf eine erhöhte Sensibilisierung und Qualifizierung aller Beteiligten zurückzuführen sind. Ich meine, es muss eine Kultur des Hinschauens und des Sich-Kümmerns entstehen und zur Selbstverständlichkeit werden. Prävention und Intervention sind hierfür von entscheidender Bedeutung. Jugendämter, Beratungsstellen, Kindertageseinrichtungen und Schulen sowie Hebammen, Geburtskliniken und Kinderärztinnen und Kinderärzte tragen hierbei eine ebenso hohe Verantwortung und stehen genauso in der Pflicht wie die Politik.

Wen könnten Sie sich als Interviewpartner/in aus dem Kinderschutz für den nächsten Newsletter vorstellen?

Ihren Bundesvorsitzenden Heinz Hilgers.

 

(Das Interview führte Viola Gräfenstein)