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Prof. em. Dr. Hans-Jürgen Schimke

Prof. em. Dr. Hans-Jürgen Schimke

Interview mit Prof. em. Dr. Hans-Jürgen Schimke zur Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in der Jugendhilfe

Hans­-Jürgen Schimke arbeitete vor seiner Pensionierung viele Jahre lang als Professor für Recht in der Sozialpädagogik und weiß, dass Gesetze der Rahmen für die Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen sind. Für ihn ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche im pädagogischen Alltag mitentscheiden können, wenn es um ihre Belange geht. In einer Expertise für das Kompetenzzentrum Kinderschutz fasst Hans-Jürgen Schimke zusammen, welche Beteiligungsrechte es für Kinder und Jugendliche in der Jugendhilfe gibt und was sich noch verbessern müsste.

Professor Schimke, erinnern Sie sich noch an den Moment, in dem Sie sich entschieden haben, die Expertise zu schreiben?

Das war ein Moment, in dem Friedhelm Güthoff mich angerufen hat. Er war bis vor Kurzem der Geschäftsführer des DKSB Landesverbandes NRW, und er musste mich ein bisschen überreden. Eigentlich war für mich klar: Ich möchte solche Studien und großen Arbeiten nicht mehr anfertigen. Aber dann fand ich das Thema doch so interessant und wichtig, dass ich gedacht habe: Da setzt du dich noch mal hin – auch weil im Moment bei diesem Thema so viel in Bewegung ist.

Was reizt Sie am Thema Beteiligung so?

Wir haben Kinder über einen langen Zeitraum als Objekte wahrgenommen. Kinder waren abhängig von ihren Eltern, wurden von ihnen erzogen und vertreten. Die Eltern handelten für sie. Das hat sich eigentlich erst seit 20, 30 Jahren dahingehend geändert, dass wir die Subjektstellung von Kindern akzeptieren. Kinder haben ihre eigenen Rechte, können ihre eigenen Interessen vertreten und ihre eigenen Wünsche auch rechtlich geltend machen. Ich finde, das ist eine faszinierende, relativ junge Entwicklung, die im Moment auch in der juristischen Diskussion eine große Rolle spielt und die letztlich sehr dazu beitragen kann, dass die Lebensverhältnisse von Kindern sich verbessern.

Was heißt das ganz speziell für die Kinder- und Jugendhilfe? Warum sollten Kinder und Jugendliche etwa bei der Gefährdungseinschätzung oder der Hilfeplanung beteiligt werden?

Weil Gespräche in diesem Rahmen für das weitere Schicksal natürlich von ganz erheblicher Bedeutung sind. Wo wird der zukünftige Lebensraum sein? Werden sie von ihren Eltern getrennt? Ich glaube, es gibt nichts Schlimmeres für einen Menschen als wenn über sein Schicksal entschieden wird, ohne dass er mit seiner Meinung, mit seiner subjektiven Sichtweise daran beteiligt wird. Das ist wie eine Sprengbombe. Wenn die Jungen und Mädchen nämlich dann mal 14 oder 15 sind, werden sie sicher fragen: „Was habt ihr damals eigentlich mit mir gemacht? Wieso bin ich da hingekommen? Und wer hat mich eigentlich gefragt?“ Wenn dann die Antwort kommt: „Wir haben das alles für dich entschieden, aber du bist nicht gefragt worden..." Ich glaube, das ist ganz bitter für einen Menschen.“


Die gesetzlich verankerten Beteiligungsrechte sind nach Ansicht von Prof. em. Dr. Hans-Jürgen Schimke aber viel zu unkonkret. Was sich verändern muss, damit Kinder und Jugendliche wirklich mitentscheiden dürfen, wenn es um ihr weiteres Leben geht, steht in der Expertise „Rechtsfragen der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen bei der Gefährdungseinschätzung nach § 8a SGB VIII und der Hilfeplanung nach § 36 SGB VIII“.