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Interview mit Ruth Piedboeuf-Schaper

Portrait von Ruth Piedboeuf-Schaper
Ruth Piedboeuf-Schaper

Interview mit der Abteilungsleiterin des Sozialen Dienstes des Jugendamtes der Stadt Bochum, Ruth Piedboeuf-Schaper, zum „Bochumer Modell“

Alle Interviewpartnerinnen und Interviewpartner können nach ihrem Interview für den nächsten Newsletter eine interessante Person aus dem Kinderschutz oder ein spannendes Projekt vorschlagen, das die Redaktion des Kompetenzzentrumteams dann im darauffolgenden Newsletter aufgreift. Die letzten beiden Interviewpartner, Claudia Schmidt und Guido Kientopf, Sprecherin und Sprecher der Landeskonferenz der koordinierenden Kinderschutzfachkräfte NRW, wollten mehr über die Weiterentwicklung des „Bochumer Modells“ wissen. Seit sieben Jahren gibt es jetzt das Bochumer Modell, das gefährdete Kinder und Jugendliche und speziell Kinder im Alter von 0-3 Jahren, in den Blick nehmen möchte. Wir haben die Abteilungsleiterin des Sozialen Dienstes der Stadt Bochum, Ruth Piedboeuf-Schaper, zur Weiterentwicklung des Bochumer Modells befragt.

Warum gibt es das „Bochumer Modell“?

Das Bochumer Jugendamt hat sich nach dem grausamen Tod eines Säuglings und der schmerzhaften medialen, strafrechtlichen und fachlichen Aufarbeitung des Todesfalles im Jahre 2007 der Aufgabe gestellt, eine verlässlichere Struktur zu schaffen, die sich dem Kinder- aber auch dem Mitarbeiterschutz stellen kann. Das ist uns nach intensiven Arbeitsphasen mit allen Kooperationspartnern gelungen!

Können Sie uns erklären, was das Modell genau beinhaltet?

Das Ziel des Sozialdezernates der Stadt Bochum war es im Jahr 2007, Kinder und Jugendliche zu schützen und speziell Kinder von 0-3 Jahren, die damals mehrheitlich nicht institutionell angebunden waren, in den Blick zu nehmen. Dieses Bestreben war die Grundlage für die Erarbeitung des Bochumer Modells des Kinderschutzes. Die Schaffung klarer Strukturen und einer verbindlichen Zuverlässigkeit in der Kooperation der Fachdienste und -kräfte sollen dem Schutz der Kinder in den ersten Lebensjahren dienen. Wir wollten die Hilfs- und Unterstützungsangebote für Eltern mit kleinen Kindern so optimieren, dass sie sowohl Ratsuchende als auch Risikogruppen erreichen.

Aus welchen Bausteinen besteht das Modell?

Das Bochumer Modell basiert auf zwei Bausteinen. Der erste Baustein ist der Bereich der Prävention und der zweite Baustein ist das Risikomanagement. Das Präventionskonzept setzt ganz früh an, um möglichst früh Fehlentwicklungen und damit spätere Schädigungen des Kindes zu vermeiden. Zum ersten Baustein: Alle Bochumer Familien mit Kindern von 0-3 Jahren sollen frühzeitig über Möglichkeiten und Maßnahmen informiert werden, die ihren Familienalltag und ihr Familienleben in Bochum unterstützen können. Risikogruppen wie z.B. Erziehende mit einer psychischen Erkrankung, junge Mütter oder Familien in „riskanten“ Lebenssituationen“ wie z.B. schlecht und krankmachende Lebensverhältnisse, unzureichende finanzielle Absicherungen, sollen frühzeitig erkannt und geeignete Maßnahmen zur Unterstützung und Betreuung im Alltag angeboten werden. Wir kooperieren deshalb in Bochum mit verschiedenen Trägern und Institutionen aus dem Bereich der Frühen Hilfen wie z.B. der Schwangerschaftsberatung, den Beratungsstellen, dem Begrüßungsteam des Jugendamtes, den Frühförderstellen, der Kinderklinik, den niedergelassenen Kinderärzten, dem Kinder- und jugendärztlichen Dienst des Gesundheitsamtes, mit den Familienhebammen und Kinderkrankenschwestern, den Familienbildungsstätten, den Kitas, der Kindertagespflege und dem Amt für Soziales und Wohnen im Bereich der Frühförderung. In den letzten Jahren haben wir die Fachstelle “Blickpunkt Kind“ aufgebaut. Dort möchten wir durch eine frühzeitige, qualifizierte Diagnostik bei verhaltensauffälligen kleinen Kindern sicherstellen, dass im Rahmen der Hilfen zur Erziehung die richtigen Maßnahmen zum Abbau der Verhaltensauffälligkeiten eingeleitet werden. Der Ausbau der Erziehungsberatung in den Kitas (bei uns EBITA genannt) hat zu einer frühzeitigen Beratung der Eltern geführt, die gerne angenommen und auch von den Erziehern als unterstützend angesehen wird. Der Qualitätszirkel der in Bochum tätigen insofern erfahrenen Fachkräfte , geleitet durch die Kinderschutzfachkraft des Jugendamtes, sichert die Vernetzung der Fachkräfte und Institutionen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.

Zum zweiten Baustein: Das Risikomanagement Kindeswohlgefährdung basiert auf den Grundlagen: Wahrnehmen, Warnen und Handeln! Das Wahrnehmen eines Risikos bei Risikogruppen (für Gefährdung des Kindeswohls) und einer eingetretenen Gefährdung wird durch umfangreiche Aufklärung über Anzeichen von Kindeswohlgefährdung und Möglichkeiten der Hilfs- und Unterstützungsangebote sichergestellt.

Jedem Bürger, jeder mit Kindern arbeitenden Fachkraft und nicht zuletzt jedem älteren betroffenen Kind oder Jugendlichen selbst, wird eine einfache Meldung von Kindeswohlgefährdung an der richtigen Stelle ermöglicht, um vor einem möglichen Risiko für Kindeswohlgefährdung schnellstmöglich zu warnen. Für den Umgang mit einer Warnung vor bzw. Meldung von Kindeswohlgefährdung besteht ämterübergreifend ein geregeltes, transparentes und verbindliches Verfahren zur Verfügung. Ein ganz wichtiger Aspekt hierbei ist die verbindliche Meldekette des Kindernotrufes (910 5463) über die Feuerwehr, die Rufbereitschaft nach den Dienstzeiten des Jugendamtes (ausgeführt durch die Ev. Stiftung Overdyck), der Polizei und dem Sozialen Dienst des Jugendamtes. Zum verlässlichen Handeln sind Handlungsstrategien erforderlich, um zeitnah auf eine Meldung einer Kindeswohlgefährdung sowie eines Risikos für Kindeswohlgefährdung reagieren zu können. Die vom Sozialen Dienst erarbeiteten Handlungsabläufe bilden eine verbindliche Kette von dem Eingang der Meldung, der Risikoeinschätzung über die kollegiale Reflexion bis hin zu dem durchzuführenden Hausbesuch durch jeweils zwei Fachkräfte des Sozialen Dienstes.

Die Bedeutung einer eigenverantwortlichen Gefährdungseinschätzung durch den freien Träger der Jugendhilfe wurde in Bochum schon betont, bevor der Gesetzgeber mit dem 8. Sozialen Gesetzbuch die öffentlichen Träger dazu verpflichtete, mit den freien Trägern Vereinbarungen zu schließen. Der Bochumer Qualitätszirkel der Kinderschutzfachkräfte sichert ferner die Kooperation zwischen den freien Trägern und dem Jugendamt.

Eine interne Steuerungsgruppe des Jugendamts begleitet die Arbeit des Kinderschutzes in Bochum, in dem sie die fachliche Arbeit überprüft, auch in Form von Aktenüberprüfungen und Berichten aus den Arbeitskreisen, die sich mit dem Thema Kindeswohlgefährdung beschäftigen. Aus gemachten Fehlern soll gelernt und Konsequenzen gezogen werden Die Fachkräfte des Sozialen Dienstes haben erfahren, dass die Tätigkeit der Steuerungsgruppe zu ihrer eigenen Sicherheit im täglichen Umgang mit dem Kinderschutz beiträgt, denn Kinderschutz benötigt auch eine vertrauensvolle Kooperation unter den handelnden Personen.

Alle zwei Jahre findet in Bochum auch eine Kinderschutzkonferenz statt, die das Jugendamt organisiert. Wir kooperieren mit den beteiligten Partnern wie Klinik, freien Trägern und engagierten Akteuren des Kinderschutzes. Diese Veranstaltung gilt auf der einen Seite der Öffentlichkeitsarbeit und auf der anderen Seite dem fachlichen Austausch zwischen den Kooperationspartnern.

Wie haben Sie das Modell mit Ihrem Team weiterentwickelt?

Das Modell ist 2006/2007 entwickelt und implementiert worden. Weiterentwickelt wird es kontinuierlich, einmal durch neue gesetzliche Herausforderungen wie z.B. durch das Bundeskinderschutzgesetz, aber auch durch die internen Fehleranalysen und Anregungen aus den Facharbeitskreisen, die sich mit dem Thema Kinderschutz beschäftigen.

Welche Bedingungen waren für das Gelingen dieses Modells günstig?

Es ist sicherlich vielen Jugendämtern so ergangen, dass sie nach der medialen Aufarbeitung von Kindertodesfällen und die Rolle der Jugendämter in diesen Fällen ihr eigenes Vorgehen hinterfragt oder erst ein neues Verfahren aufgebaut haben. Das Bochumer Jugendamt hatte zum Zeitpunkt des toten Säuglings bereits ein standardisiertes Verfahren, das nach dem Todesfall durch den Auftrag des Jugendhilfeausschusses von Experten überprüft wurde. Das Standardverfahren wurde von dem Expertenteam gelobt, aber auch neue Anregungen vorgeschlagen, die dann unmittelbar umgesetzt wurden.

Welcher Punkt war dabei besonders wichtig?

Für mich war der interessanteste Kritikpunkt das Fehlen der sozialpädagogischen Facheinschätzung in unserem ersten Standardverfahren, also auch, welche emotionale Einschätzung hat die Fachkraft beim Hören der Meldung oder der Inaugenscheinnahme des Kindes und des wohnlichen Umfeldes? Bei all den standardisierten Gefährdungseinschätzungen und der Gefährdungspunkte sollte die fachliche Wahrnehmung der Lebenssituation des Kindes durch die Fachkraft nicht aus den Augen verloren werden.

Wie läuft das Bochumer Modell in der Praxis?

Das Bochumer Kinderschutzmodell läuft gut und rund in der Praxis. Zu bemerken ist jedoch, dass alle Verfahren eine Zeit benötigen, in der sie nicht nur umgesetzt, sondern auch gelebt werden. Das heißt, es muss in der Praxis zunächst die Tauglichkeit des Modells getestet werden, um mögliche Stolpersteine auszuräumen, damit das Modell selbstverständlich in den Alltag übernommen werden kann. Dies bedeutet eine kontinuierliche Schulung, speziell auch der zahlreichen neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in den letzten Jahren in die Sozialen Dienste gekommen sind. Dazu kommt die enge, verbindliche Kooperation mit den anderen Institutionen und nach Möglichkeit auch Kinderärzte, die ja, zu unserem Bedauern durch das Bundeskinderschutzgesetz noch nicht zu der Kooperation mit den Jugendämtern verpflichtet sind. Aber auch da sind wir auf einem guten Weg und erreichen durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit die notwendigen Kooperationspartner.

Wurde das Bochumer Modell woanders schon übernommen?

Wir haben in den letzten Jahren viele Anfragen aus anderen, häufig auch kleineren Jugendämtern erhalten, denen wir von unserem Konzept berichtet und auch Informationen weitergereicht haben. Wir vertreten die Meinung: Keiner muss das Rad neu erfinden, und wir sollten alle von guten Ideen, die von Fachleuten in der Praxis entwickelt wurden, profitieren können. Die Sozialen Dienste der Jugendämter stellen sich alle der gleichen schweren Aufgabe des Kinderschutzes und sind verpflichtet, immer neue Herausforderungen anzunehmen.

Was raten Sie anderen Städten, die das Modell ebenfalls umsetzen wollen?

Kommunen, die sich dieser Aufgabe neu stellen wollen und müssen, kann ich nur raten, sich auf den Weg zu machen. Sie sollten sich Konzepte von Jugendämtern gleicher Größenordnung besorgen und mit den Fachkräften aus der Praxis diskutieren und erarbeiten. Die Kolleginnen und Kollegen, die in der täglichen Arbeit mit der Aufgabe des Kinderschutzes konfrontiert sind, müssen von Beginn an im Boot sein, damit die Ideen auch umgesetzt werden können. Am grünen Tisch können solche Konzepte nicht erarbeitet werden. Allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern muss deutlich sein, dass ein gutes Verfahren zum Kinderschutz auch dem Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dient. Gut ist es auch, die freien Träger vor Ort frühzeitig mit einzubinden, damit ein einheitliches Verfahren der Kooperationspartner im Kinderschutz sichergestellt wird.

Wen würden Sie als nächsten Interviewpartner vorschlagen?

Dr. Reinald Eichholz, Jurist, ehemaliger Kinderbeauftragter der Landesregierung NRW und Mitglied in der National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland.

(Das Interview führte Viola Gräfenstein im September 2014)