Folgen von Kindeswohlbeeinträchtigungen

Kinder, die Gewalt oder Vernachlässsigung erlebt haben, zeigen nicht immer unmittelbar und eindeutig wahrnehmbare Symptome. Abgesehen von zugefügten körperlichen Verletzungen sind zeitlich verzögerte Folgen keine Seltenheit. Unterscheiden lassen sich im Wesentlichen körperliche, psychosoziale und kognitive Folgen.

Die wenigsten Folgen lassen einen eindeutigen Rückschluss auf die Form der Kindeswohlgefährdung zu. Vielmehr können sie mehrheitlich als Folgeerscheinung sämtlicher Beeinträchtigungen auftreten. Symptome sind noch keine Belege!

Für alle nachfolgend benannten und angedeuteten Symptome gilt: Sie sind zunächst einmal lediglich Anzeichen dafür, dass es einem Kind nicht umfassend gut geht und es in seiner Entwicklung gehemmt ist. Diese Beeinträchtigung kann durch Vernachlässigung und/oder Gewalt verursacht worden sein. Sie kann aber auch anderweitig bedingt sein. Dies gilt es in jedem Fall mitzubedenken. Die nachfolgende Aufzählung von Symptomen und Folgen einer Beeinträchtigung oder Gefährdung des Kindeswohls ist beispielhaft und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Auf Vernachlässigung bei Kindern deuten Untergewicht, vermindertes Wachstum, Rückstände in der körperlichen Entwicklung, hohe Infektanfälligkeit, unversorgte Krankheiten und unzureichende Körperhygiene hin.

Kindesmisshandlung bzw. körperliche Gewalt zeigt sich bei Kindern u. a. durch Hämatome, Brandwunden oder Frakturen, die sich Kinder nicht selbst (z. B. durch einen Sturz) zugefügt haben können.

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder hat mitunter Verletzungen im genitalen, analen oder oralen Bereich zur Folge. Ebenso treten Geschlechtskrankheiten bei Kindern auf.

Bei einer weiblichen Genitalbeschneidung können unter anderem Verletzungen der Nachbarorgane, starker Blutverlust bis zur Verblutung, chronische Entzündungen, Schmerzen, Schwierigkeiten beim Urinieren, Menstrualstauungen, Komplikationen während der Schwangerschaft oder auch Unfruchtbarkeit auftreten. Die weibliche Genitalbeschneidung ist mit extremen Schmerzen verbunden.

Für die genannten Formen von Kindeswohlgefährdung und ebenso für häusliche Gewalt belegt sind überdies psychosomatische Folgeprobleme wie beispielsweise diffuse Schmerzzustände, Schlafstörungen, Einnässen, Selbstverletzungen oder auch Essstörungen bei Kindern.

Als Langzeitfolge bis ins Erwachsenenalter besteht nach Forschung von Clemens et al. (2018) unter anderem ein erhöhtes Risiko für Adipositas, Bluthochdruck, Diabetes und Krebserkrankungen.

Clemens et al. (2018): Association of child maltreatment subtypes and long-term physical health in a German representative sample. European Journal of Psychotraumatology Vol. 9 (1)

Als psychische Folgen sind bei Kindern mit Vernachlässigungs- und/oder Gewalterfahrungen bislang Ängste bzw. Angststörungen, Selbstunsicherheit und Depressionen, (komplexe) posttraumatische Belastungsstörungen, aber auch Unruhe und Aggressionen bekannt. Speziell für Kinder mit sexualisierten Gewalterfahrungen gilt, dass extreme Scham- und Schuldgefühle häufig die Folge sind.

Im Kontakt mit anderen Kindern verhalten sich manche Kinder eher distanzlos, zeigen unter Umständen eine geringe Frustrationstoleranz und fallen durch unsoziales Verhalten auf. Andere Kinder wiederum meiden jeden Kontakt und zeigen Angst im Umgang mit anderen.

Dies gilt auch für den Umgang mit Erwachsenen – während manche Kinder sich zum Beispiel distanzlos oder aggressiv verhalten und Schwierigkeiten haben, mit Grenzen und Regeln umzugehen, zeigen andere Kinder sich überangepasst und konfliktscheu.

Kinder, die Gewalterfahrungen gemacht haben, sind zudem einem höheren Risiko ausgesetzt, erneut Gewalt zu erleben, auch von anderen Kinden.

Weibliche Genitalbeschneidung führt häufig zu einem seelischen Trauma. Angst, Depressionen, Perspektivlosigkeit und vielfältige psychosomatische Beschwerden können daraus entstehen. Die betroffenen Mädchen und Frauen unterliegen einem absoluten Schweigegebot und die meisten wissen nicht, dass es auch Mädchen gibt, die nicht beschnitten werden. Zu den besonders häufigen Folgen der weiblichen Genitalbeschneidung gehören somatische und psychische Auswirkungen auf die Sexualität. Geschlechtsverkehr bedeutet für betroffene Frauen das Erdulden extremer Schmerzen.

Diese psychosozialen Folgen können bis ins Erwachsenenalter fortbestehen.

Bei Kindern, die von den geschilderten Beeinträchtigungen betroffen sind, ist davon auszugehen, dass die Belastungen ihre Energie und Aufmerksamkeit in vielerlei Hinsicht binden. Ihr kindlicher Forschungsdrang, ihr Interesse, unbekannte Welten zu erkunden und Neues auszuprobieren, kann dadurch eingeschränkt sein. Und das wiederum kann bewirken, dass die aktive Aneignung von Fähigkeiten und Fertigkeiten der Kinder verzögert bzw. behindert wird.

Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung der Kinder können sich als Sprachprobleme (z. B. fehlendes Sprachvermögen) zeigen. So wird zum Beispiel häufig von einem nicht altersangemessenen Sprachverständnis (etwa Schwierigkeiten, Gehörtes, Gesehenes, Erlebtes sprachlich wiederzugeben bzw. Sprachbotschaften zu entschlüsseln) bei betroffenen Kindern berichtet. Des Weiteren können die kognitiven Folgen der Beeinträchtigungen ihres Wohls sich in Konzentrationsschwierigkeiten, Wahrnehmungsstörungen, Entwicklungsverzögerungen bis hin zu einer diagnostizierbaren Lernbehinderung der Kinder manifestieren.

Auch die kognitiven Folgen können bis ins Erwachsenenalter fortbestehen.