Risikofaktoren für eine mögliche Kindeswohlgefährdung

Kindeswohlgefährdung entsteht in der Regel aus einem Zusammenspiel verschiedener Risikofaktoren.

Als Risikofaktoren oder auch Belastungsfaktoren bezeichnet man solche Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit einer Kindeswohlgefährdung erhöhen. Das sind:

Zu den gesellschaftlichen Risikofaktoren, die immer wieder als besondere Belastungen für Familien mit Kindern definiert werden, zählen beispielsweise Arbeitslosigkeit und die wachsende Verarmung vieler Familien sowie die zunehmende Individualisierung von Lebenslagen, die es vielfach erschwert, soziale Netzwerke zu initiieren und auch zu erhalten.

Außerdem führt die Verringerung von öffentlichen Räumen (wie Spielflächen), an denen sich Kinder aufhalten und spielen können, dazu, dass für die Kinder ein Sich-Ausleben, Neues Entdecken und die Knüpfung sozialer Kontakte außerhalb des Elternhauses erschwert und für die Familie wiederum die Belastungssituation durch fehlende persönliche Ruhe- und Freiräume verstärkt werden kann.

Auch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen oder Ereignisse wie die Corona-Pandemie können für Familien zu einer temporären oder andauernden Belastungssituation führen.

Zu den materiellen Gegebenheiten, die als Risikofaktoren wirksam werden können, zählen nach aktuellen Erkenntnissen:

  • finanzielle oder materielle Krisen, z. B. aufgrund von Arbeitslosigkeit, niedrigem Einkommen oder Verschuldung
  • beengte Wohnverhältnisse

Als Risikofaktoren im Hinblick auf die soziale Situation gelten:

  • fehlende soziale oder familiäre Unterstützungssysteme
  • soziale Isolation im Wohnumfeld

  • fehlende Infrastruktur (z. B. mit Blick auf Mobilität, Freizeit- und Unterstützungsangebote für Familien, wie Krabbelgruppen)

  • Diskriminierungserfahrungen

Familiäre Riskofaktoren können sein:

  • lang anhaltende Spannungen und Konflikte zwischen den Eltern, Trennung/Scheidung

  • wechselnde Partnerbeziehungen

  • alleinige Erziehungsverantwortung

Als individuelle Risikofaktoren auf der Elternebene sind bekannt:

  • Belastungen durch negative Erfahrungen in der eigenen Lebensgeschichte (Gewalt, Vernachlässigung)
  • niedriger Bildungsstand
  • Minderjährigkeit bei der Geburt des Kindes
  • akute oder nicht behandelte psychische/somatische Erkrankungen
  • Suchterkrankungen (inklusive Handysucht, Arbeitssucht) und Alkohol- oder Substanzmittelmissbrauch
  • Fluchterfahrungen
  • Tendenz zur Radikalisierung

Als individuelle Risikofaktoren auf der Ebene des Kindes wurden bislang festgestellt:

  • Unerwünschtheit
  • Frühgeburt
  • Erkrankungen, Behinderungen, Beeinträchtigungen (inkl. Neurodivergenz, wie z. B. Autismus-Spektrum oder ADHS) und Fehlbildungen
  • herausforderndes Verhalten (z.B. sog. „Schreikinder“ mit Ein- und Durchschlafstörungen)
  • Fluchterfahrungen

Wenn mehrere Risikofaktoren gleichzeitig vorhanden sind, kann dies zu einer temporären oder anhaltenden Überforderung der familiären Problembewältigungskompetenzen führen.

Kindeswohlgefährdung muss also nicht aus einer extremen und unerwartet eintretenden Krise heraus entstehen. Sie kann sich auch aus einer anhaltenden Belastungssituation heraus entwickeln, in der mehrere Risikofaktoren gleichzeitig oder in einer zeitlich dichten Abfolge auftreten, die die Familie aus eigener Kraft nicht (mehr) bewältigen kann.

Oft werden dann die eigenen Handlungs- und Einflussmöglichkeiten selbst da nicht mehr wahrgenommen, wo sie noch vorhanden sind.

Die Risikofaktoren können wichtige Impulse geben, um geeignete Maßnahmen und Hilfen zur Unterstützung und Stabilisierung der Familie zu finden.

Wichtig zu beachten ist: Viele Familien leben temporär oder dauerhaft mit Risikofaktoren, ohne dass das Wohl ihrer Kinder gefährdet ist. Risikofaktoren können zum Entstehen einer Gefährdung beitragen, sind aber keine Anzeichen einer Kindeswohlgefährdung.