Projekt „Jetzt sprechen wir!“ (2019)

Kinder sind in Nordrhein-Westfalen nach wie vor überproportional häufig von Armut betroffen. In vielen Städten wächst nahezu jedes dritte Kind in Armut auf. Armut geht in der Regel mit einer schlechteren Wohnsituation einher und begünstigt damit die Entstehung von sogenannten sozial benachteiligten Stadtquartieren. Verschiedene Studien zeigen, dass das Risiko einer Kindeswohlgefährdung in solchen Stadtquartieren besonders hoch ist. Laut Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention haben Kinder das Recht auf Beteiligung an allen sie berührenden Angelegen-heiten. Das Ziel des Projektes war es daher herauszufinden, wie Kinder in solchen Stadtquartieren ihre Situation selbst beurteilen. An welchen Orten fühlen sie sich wohl? Wo erfahren sie Freude und auch Hilfe? Welche Orte meiden sie – und warum? Wie erleben sie selbst Armut in ihrer Umgebung? Was wünschen sie sich für ihr Wohnen und Leben in ihrem Quartier?

Der Ablauf des Projekts

Am Beispiel der Analyse des Wuppertaler Quartiers „Ostersbaum“ aus Sicht von Kindern zwischen 7 und 13 Jahren sind im Projekt „Jetzt sprechen wir“ Empfehlungen für die kommunalen Jugendhilfeausschüsse zur Gestaltung von Quartieren mit hoher Kinderarmutsquote entstanden. Das Nachbarschaftsheim Wuppertal e. V. ermöglichte uns, den Kontakt zu Ostersbaumer Kindern aufzunehmen. Zunächst füllten die Kinder Fragebögen zu ihrem Erleben ihres Quartiers aus. Einige malten auch ihren Traumort. Im Fragebogen gaben 85 Prozent der Kinder an, dass es in ihrem Quartier viele arme Menschen gibt und auch Probleme mit Kriminalität (45 Prozent). Einige äußerten Angst im Straßenverkehr und wünschten sich mehr Schülerlots*innen. Viele Kinder hätten gerne einen Garten zur freien Verfügung.

Welche Orte die Kinder mögen – und welche nicht

Bei einem gemeinsamen Quartiersspaziergang zeigten die Kinder ihre Lieblingsorte in Ostersbaum und diejenigen Orte, die sie meiden bzw. an denen sie sich unwohl fühlen oder Angst haben. Insbesondere der Schniewindsche Park wurde als ein „zu meidender Ort“ deklariert, obwohl die Kinder sich wünschen, dort auf dem schönen „Indianerspielplatz“ spielen zu können. Da dieser Park als Drogenumschlagplatz im Quartier bekannt ist, wird er auch von vielen anderen Bewohner*innen gemieden, obwohl er die nächstgelegene Grünfläche darstellt. Die Kinder kannten im Park ein Versteck, in dem eine benutzte Spritze lag. Auch zum Platz der Republik äußerten sich die Kinder ambivalent: Einerseits gibt es dort einen modernen, attraktiven Spiel- und Sportplatz, andererseits fühlen sie sich von den Menschen bedroht, die Alkohol und Drogen konsumieren und sich in unmittelbarer Nähe aufhalten.

Was die Kinder ändern würden

Darüber hinaus verdeutlichten die Kinder bei einer Interviewrunde, dass ihnen die Dunkelheit im Winter sehr zu schaffen macht und sie sich eine Verbesserung der öffentlichen Beleuchtung wünschen. Vor allem aber berichteten sie von massiven Nachbarschaftskonflikten, die sie in ihrem Alltag erleben. Wenn die befragten Kinder von Armut sprechen, dann meinen sie absolute Armut, im Sinne von „Hungern“ oder „Obdachlosigkeit“. Sie erzählten von Kindern aus ihren Klassen, die Hunger hätten und in der Schule nichts zu essen dabeihaben. Trotzdem halten sie Kinder im Allgemeinen nicht für arm, sondern beziehen dieses Problem auf Erwachsene. Damit haben sie im Grunde genommen recht, da Kinderarmut immer ein Folgeproblem der Verarmung von Familien ist.

Die Ergebnisse des Projekts

Aus den Ergebnissen der Analyse Wuppertal-Ostersbaums konnten allgemeine Empfehlungen für kommunale Jugendhilfeausschüsse zur Verbesserung „armer“ Quartiere abgeleitet werden:

  • Verbesserung der öffentlichen Beleuchtung
  • klare Trennung der Spiel- und Sportplätze von Aufenthaltsorten, an denen sich Menschen aufhalten, die Alkohol und Drogen konsumieren
  • Präsenz von Polizei, Ordnungsamt sowie Sozialarbeiter*in-nen in Parks, in denen Drogen verkauft und konsumiert werden sowie Prostitution stattfindet
  • mehr Verkehrsberuhigungen und Schülerlots*innen
  • Stärkung der Nachbarschaft durch Mieter*innenaustausch-treffen und kostenlose Mediation im Falle von Nachbar-schaftsstreitigkeiten
  • kostenlose Schimmel- und Feuchtigkeitsbekämpfung in Wohnräumen
  • urbanes Gärtnern für Kinder
  • Einführung eines kostenlosen Kinder- und Jugendtickets und Ausbau eines kinderfreundlichen Nahverkehrssystems
  • Belebung des bürgerschaftlichen Engagements im Stadtquartier

Dieses Projekt fand im Rahmen des Kompetenzzentrums Kinderschutz NRW statt und dauerte vom 1. September bis 31. Dezember 2019. Es wurde vom Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.

Der Abschlussbericht steht in Kürze zur Verfügung.